Donnerstag, 2. August 2007

Osorno, oder der gelungene Abschluss einer langen Reise

Lange überlegen wir, ob wir lieber schnell nach Hause wollen, um endlich einmal anzukommen und nicht mehr ans Weiterfahren denken zu müssen (am Ende sollen es 5156 Kilometer werden), oder ob wir noch einen Zwischenstop in Osorno einlegen, um einen Kollegen zu besuchen. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns für Zweiteres. Den Kollegen besuchen wir jedoch nicht in seinem "Wohnklo" (wie er sagt) mitten in der Stadt Osorno, sondern aufgrund einer Krankschreibung ist er mit seiner Frau die Woche über in seinem Haus am Fuße des Vulkans Osorno geblieben. Unser Glück, denn allein die Fahrt dorthin in der sanften Abendsonne ist die reinste Sinnesfreude: In einer mehr oder weniger flachen grünen Landschaft ragt ein großer, einsamer Berg heraus, ganz allein auf weiter Flur! Uns fällt es schwer den Blick abzuwenden, denn er gleicht wie einer Zeichnung aus einem Bilderbuch. Fast zu perfekt, um echt zu sein. Scheinbar symmetrisch erhebt er sich aus dem Nichts, der Gipfel sieht aus, als hätte man die obere Spitze sauber mit dem Messer abgeschnitten.

Das Holzhaus des Kollegen ist traumhaft auf einer großen Wiese am See gelegen. Innen gibt es eine große Fensterfront (siehe Foto re.), von der man den Vulkan gänzlich bewundern kann. Es wirkt wie eine riesige Filmkulisse, von der man jeden Moment erwartet, dass sie abgebaut wird oder jemand ein anderes Motiv davor schiebt... Nach der ersten Nacht entscheiden wir, noch eine Nacht zu bleiben, zu schön die Gegend, zu schön das Wetter, zu schön die Kulisse, die tatsächlich bleibt.

Ein gelungener Abschluss unseres fast dreiwöchigen Urlaubs!

Mittwoch, 1. August 2007

Längs durch Chile (quer geht ja nicht)

Seit gestern sind wir wieder on the road, Kilometer 3896ff. Es geht längs durch Chile, quer gehts ja nur maximal 240 Kilometer, dabei ist das Land rund 5.500 Kilometer lang. Für uns geht es tausend Kilometer gen Süden, so stehts dann auch ganz praktisch auf den Autobahnschildern: "AL SUR", Ziel Osorno, Stadt und Vulkan zugleich, wo wir noch einen Kollegen von mir besuchen wollen, der in den 1990ern acht Jahre in Bariloche unterrichtet hat. Und es gibt tatsächlich eine richtige Autobahn in Chile (Ruta 5), die erste richtige Autobahn auf unserer Tour mit zwei Spuren, Auffahrten und Ausfahrten, Mautstationen und Tempolimit 120. Gut, hier gibts auch Trecker auf der Autobahn, Geschäfte am Straßenrand, Firmenausfahrten, Radfahrer, Hunde, Eselskarren und Fußgänger (in alle Richtungen) und Bushaltestellen, aber ansonsten ist es eine richtig gut geteerte Autobahn. Ich also kurz überlegt, Valparaiso - Osorno ... 1000 Kilometer ... fünf Stunden, ich sach, Uli, setz den Kaffee auf. (Das Original "Autobahn" von Atze Schröder ist eins seiner wirklich gelungenen Stücke...) Die Ruta 5 ist übrigens Teil der Panamericana, wie ich jetzt erst rausgefunden habe, die in Valparaiso von Norden kommend allerdings quer nach Buenos Aires abbiegt, weil man durch Chile (noch) nicht bis Feuerland kommt (siehe aber Carretera Austral). Ohne es zu wissen, sind wir also von Mendoza durch die Anden nach Valparaiso mal eben ein Stück der längsten Straße ganz Amerikas gefahren. So, jetz aber geschmeidig die 6 Zylinder geflutet und ab al sur. Also bis die Tage auf`m Vulkan ...

Nachtlager irgendwo unterwegs etwa 50 km vor Chillán im Valle Longitudinal, der Ebene zwischen der Küstenkordillere und den Anden, zwei Kilometer neben der Autobahn. In Chillán haben wir kurz gestoppt, um uns im Colégio Mexico zwei Wandgemälde (Murales) des mexikanischen Malers David Alfaro Siqueiros über die Geschichte Mexicos und Chiles anzuschauen.

Montag, 30. Juli 2007

Valparaíso

Valparaíso, die Stadt, die auf 45 Hügeln erbaut ist, da sollen die Römer noch mal was sagen. Vom Hafen aus winden sich die Straßen die Hänge hinauf, die mit kleinen bunten Häusern übersäht sind. (Ehrlich gesagt hatte ich irgendwie den Eindruck, als würde ein riesiges Geschwür von Häusern den Berg befallen.) Valparaíso ist auf jeden Fall einen Besuch wert, der Winter ist recht mild, die Strände sind auch nicht weit und kulturell hat die Stadt so einiges zu bieten: uralte schräge Aufzüge die Hänge hinauf, ein Haus des weltbekannten chilenischen Dichters Pablo Neruda und manch imposanter Kolonialbau und ein historischer Stadtkern, wie sich das für eine UNESCO - Weltkulturerbe - Stadt gehört. Dass Valparaíso eine der schönsten Städte der Welt sei, wie es im Wiki-Artikel steht, kann ich allerdings nicht unterschreiben, aber die UNESCO wird es schon wissen.

Heute morgen beim ausgiebigen Frühstück (mit Salami, Käse, Marmelade und frischem Obst!) haben wir mit Fernando und Alejandra aus Santiago gesprochen (sie besitzen ein Restaurant in Valparaíso), die uns unter anderem erzählten, in Chile würden seit einigen Jahren Sprachkurse in "Mandarin" angeboten und heiß nachgefragt, weil Chile umfangreiche Handelsabkommen mit China laufen habe (Freihandelsabkommen seit 2005). Eigentlich logisch, chilenisches Chinesisch, von Chile aus ein bisschen nach Norden rauf, schnell den Äquator langgeschippert, dann durch Mikronesien, zwei Buchstaben getauscht und schon ist man in China ...

Chile ist Südamerikas Exportmeister (Verhandlungen über Freinhandelsabkommen mit Japan und Indien laufen ebenfalls) und größter Kupferproduzent der Welt, die Wirtschaft boomt, und durch die zeitweise hohe Inflation der vergangengen Jahrzehnte gibt es am Bankautomaten inzwischen auch 100.000 Peso zu ziehen. Mit 200.000 Peso in der Tasche ist uns ganz schön schwindlig geworden (1 Euro sind rund 700 Chilenische Peso), aber sonst hätten wir das Zimmer in unserer netten Hospedaje "El Mirador" nicht bezahlen können, es hat glatte 24.000 Peso gekostet - mit tollem Frühstück, wie gesagt, was wir ja aus Argentinien gar nicht mehr gewöhnt waren, da waren wir schon überglücklich, wenns im Hotel Porteño (Mina Clavero) eine hausgemachte Marmelade zu den Medialunas gab (siehe Post "Auf der Durchreise").

Samstag, 28. Juli 2007

Durch die Anden

Unser nächstes Ziel heißt Valparaiso, die Stadt, die Jules Verne in seinen Romanen erwähnt, der Sting einen Song widmet und die gerne als „Hamburg des Südens“ bezeichnet wird. Die Reise dorthin unterscheidet sich etwas von den bisherigen, denn heute werden wir so einige Höhenmeter machen und zum ersten Mal die Anden überqueren.

Von Mendoza fährt man durch endlose Täler und Ebenen auf die Anden zu und erhascht dabei nicht selten einen wunderbaren Blick auf den höchsten Berg der Anden, ganz Amerikas und der gesamten Südhalbkugel: der Aconcagua. Der Rio Mendoza ist dabei unser Begleiter, er windet sich durch die Täler. Einst ziemlich breit und groß, fließt zurzeit jedoch nur sehr wenig Wasser den Mendoza herunter, da es für die Bewässerung der Oase Mendoza mitsamt seinem berühmten Weinanbau genutzt wird. Auch ohne reißenden Fluss genießen unsere Augen den großen Raum und die weite Ebene, die die Berge trotz ihrer stolzen Höhe zulassen. Diese schillern in bunten Braun- und Rottönen in der Morgensonne, sodass man meint sie würden leuchten.

Zuerst haben wir nicht den Eindruck, dass der Weg mühsam wäre. Später fahren wir an kilometerlangen Schlangen von Lastwagen vorbei, die schon längere Zeit an einer Stelle zu stehen scheinen. Dies wird sich bis zum Grenzübergang nach Chile nicht ändern. Der Grenzübergang "Los Libertadores" (3100 m) gilt als Hauptdurchgang für Industrie und Handel und ist dementsprechend gut besucht. Später erfahren wir, dass der Grenzübergang aufgrund eines Sturms drei Tage geschlossen war und sich daher dieses ganze Blech aufgestaut hatte. Es gibt noch einen anderen, höher gelegenen Pass ("Bermejo-Pass"), der aber im Winter nicht passierbar ist. Daher bleiben uns einskalte Winde in 3854 m Höhe erspart, aber auch leider der Anblick des „Cristo Redentor de los Andes“, der zur Schlichtung von Grenzstreitigkeiten zwischen Argentinien und Chile dort errichtet wurde.

Einige Kilometer vor der eigentlichen Grenze nach dem vielbesuchten Ski-Ort Las Cuevas genießen wir von einem Aussichtspunkt in 3200 m Höhe den Gipfel des Aconcagua. Wer wirklich geglaubt hat, wir würden den Berg gänzlich besteigen wollen (siehe Post "Mendoza"), ist uns auf den Leim gegangen. Die Besteigung erfordert zwei bis drei Wochen und darf nur von erfahrenen Bergsteigern vorgenommen werden. Dies sehen wir dann auch gleich ein, als wir auf einen kleinen Hügel steigen, um unseren Anblick und das Fotomotiv zu optimieren. Denn schon dieser kleine Aufstieg lässt uns hyperventilieren.

Zurück auf der Straße fahren wir weiter Richtung Grenze, leider ohne wirklich guten Ausblick auf die Berge, da uns die Schneemassen rechts und links die Sicht versperren. Die Straße jedoch ist frei und sehr gut passierbar. An der Grenze angekommen müssen wir endlose trámites (Diensweg, Behördengang) über uns ergehen lassen. Zunächst wollten die Argentinier nur uns, nicht aber unser Auto aus dem Land lassen, weil wir eine temporäre Aufenthaltserlaubnis hätten, das Auto aber ein argentinisches Auto sei... ??! Klar fahren wir in Argentinien ein in Argentinien zugelassenes Auto... Wir passieren dann doch drei argentinische Schalter und drei chilenische Schalter (und verbringen dort insgesamt eine Stunde), unser Auto wird haarklein unter die Lupe genommen, ob wir vielleicht Illegales ins Land einschmuggeln… und siehe da: die Grenzbeamten werden fündig: Eine Salami und ein Apfel sind die Übeltäter. Sie Wir dürfen sie vor den Augen der Beamten aufessen.

Der Weg die Anden wieder herunter auf chilenischer Seite ist etwas abenteuerlicher. Endlose Serpentinen und bedrohliche Steigungen erfordern Konzentration und Aufmerksamkeit. Wir bewundern entgegenkommende Busse und LKW, die sich die Straßen herauf quälen und schimpfen über Rowdys, die uns in gefährlichen Manövern überholen. Unten angekommen begrüßt uns eine grüne, hügelige Landschaft mit saftigen Wiesen und üppigen Wäldern. Marcs erster Eindruck: „Es ist wie im Hunsrück.“ Ich kann dies jedoch nicht bestätigen und fühle mich eher in ein asiatisches Hochland versetzt.

Mendoza

Zwei Tage in Mendoza, zwei Tage Genuss und Entspannung. Angenehmes Wetter, viel Grün, schöne, sonnige Plätze und eine nette Unterkunft haben uns den Aufenthalt derart versüßt, dass wir nicht umhin können, jedem, der nach Argentinien reisen will, diese Stadt wärmstens zu empfehlen. So wollen wir uns den Worten unseres Reiseführers (lonely planet) mit 100%iger Überzeugung anschließen:

"Als erstes fallen die Bäume ins Auge: Gingantische Platanen, die sich über den Straßen wie Baldachine ausbreiten und Mendozas lebhafte Bewohner vor der brennenden Sommersonne schützen - kein Mensch käme auf die Idee, dass die Stadt mitten in der Wüste liegt. Das verraten nur die acequias, die offenen Bewässerungskanäle entlang der Straßen, in denen das Schmelzwasser aus den Anden fließt. Sie gehören zu den eindrucksvollen Zeugnissen der präkolumbischen und kolonialen Vergangenheit der Stadt - und sind selbst da noch zu sehen, wo moderne, erdbebensichere Konstruktionen die eingestürzten historischen Gebäude ersetzt haben. Überhaupt: Mendozas Architektur versteckt sich hinter den Bäumen, man entdeckt sie erst auf den zweiten Blick. Ohne die Bäume wäre Mendoza die Hölle - doch so ist sie eine der schönsten Städte Argentiniens."

Besser hätten wir es auch nicht sagen können. Für uns die optima le Erholung vor den zu erwartenden Strapazen der Andenüberquerung nach Chile mitsamt der Besteigung des Aconcagua (6959m).