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Sonntag, 28. September 2008

Antisemitismus heute

"Aktionstag gegen Antisemitismus und Diskriminierung" von INADI und Museo del Holocausto

Bariloche. Der Saal der Bibliothek Sarmiento in San Carlos de Bariloche, gleich neben dem Centro Cívico, fasst 140 Plätze. An diesem Abend des 23. September drängen rund 200 Menschen auf Einlass, sie füllen die Gänge, setzen sich auf den Boden und drücken sich in jede Nische. Graciela Nabel de Jinich, Direktorin des Museo del Holocausto in Buenos Aires, ist hoch erfreut über den großen Zuspruch, aber nicht nur an diesem Abend, sondern auch und ganz besonders freut sie sich über die Teilnahme der vielen Schülerinnen und Schüler an den beiden Vorführungen im örtlichen Kino, sagt sie den versammelten Gästen. Mit eindringlichen Worten begrüßt sie die Anwesenden, die ebenso wie alle Menschen auf der Welt dazu verpflichtet seien, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Das Grauen jener Zeit dürfe nicht in Vergessenheit geraten, mahnt sie, es dürfe weder geleugnet noch marginalisiert werden.

Anlass ihres Besuchs in Bariloche ist die landesweite Vorführung des Dokumentarfilms "Mujeres de la Shoá" am "Tag gegen Antisemitismus und Diskriminierung", der gemeinsam organisiert wurde vom INADI in Río Negro (Staatliches Institut gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus), der israelischen Gemeinschaft, der Universidad Nacional de Comahue, der Stadtverwaltung Bariloche und der Ökumenischen Forum der deutschen Gemeinschaft. Der Film stellt ein ergreifendes Dokument der Zeitgeschichte dar, das an der Universidad Nacional de la Matanza entstand. Sechs Frauen, die den Holocaust überlebten und heute in Argentinien leben, erzählen darin von ihrem Schicksal zurzeit des Nationalsozialismus in Deutschland, erzählen von ihren Erinnerungen, Erinnerungen an die Diktatur, die Judenverfolgung, die Einsperrung in Ghettos, die Arbeitslager und die Massenvernichtungen, und sie erzählen von ihren ganz persönlichen Gefühlen und Verletzungen, die diese Zeit hinterlassen hat, in der die meisten von ihnen ihre Familie verloren haben, aus der sie befreit wurden, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte. Als die Russen das Lager befreit hätten, sagt eine von ihnen im Film, und sie zum Tor hinauswiesen, sie seien nun frei und könnten gehen, hätte sich niemand getraut, auch nur einen Fuß in Richtung jenes Tores zu setzen, durch das monate- und jahrelang nur Juden herein gekommen waren, aber nie einer lebend heraus. "Der Antisemitismus ist auch heute noch ein aktuelles Thema, leider, in Deutschland und in anderen Teilen der Welt", pflichtet Jan Freigang, Referent für Politik der Deutschen Botschaft Buenos Aires, der Direktorin in seiner Ansprache bei. Er richtet allen Anwesenden die Grüße des neuen deutschen Botschafters in Argentinien, Günter Kniess, aus. In Anbetracht der Vergangenheit bestehe insbesondere für alle Deutschen die besondere Verantwortung, die Erinnerung zu bewahren, den Dialog zu suchen und ihre Stimme zu erheben gegen jede Form der Diskriminierung, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus.

In Bariloche sehen an diesem Tag über 1000 Schüler nahezu aller staatlichen und privaten Schulen die Vorführungen um 9 Uhr und um 14 Uhr, anwesend sind die staatlichen Schulen CEM 37, 77, 97, 99, 104, 138 und wahrscheinlich noch viele mehr, des Weiteren die Privatschulen Antú Ruca, Castex, Don Bosco, San Esteban und die italienische und englische Privatschule Dante Alighieri und Woodville. Eröffnet werden die Filmvorführungen von der Direktorin des Holocaust-Museums Buenos Aires, dem Referenten für Politik der Deutschen Botschaft Buenos Aires, dem israelischen Honorarkonsul für Río Negro, Neuquén Chubut und Santa Cruz, Hernando Grosbaum und dem deutschen Honorarkonsul von Bariloche, Gerardo Borchert. Auf der Tagesordnung stehen außerdem Workshops und Fortbildungen am Institut für Lehrerbildung und der Universität Comahue, an der 200 Lehrer und Studenten teilnehmen, gehalten von der Direktorin des Holocaust-Museums, dem Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften, Pedro Barreiro, und der Koordinatorin der Geschichtsabteilung, Laura Méndez. Für alle Schüler und Lehrer der Sekundarschulen gibt es außerdem Begleitmaterial, um das Thema Holocaust im Unterricht vertiefen zu können. Dass hierzu Bedarf besteht, zeigen nicht nur die vielen Schülerinnen und Schüler, die nach der Filmvorführung im Kinosaal sitzen bleiben, um mit der Direktorin des Holocaust-Museums über das Gesehene und das Geschehene sprechen zu können. Julio Accavallo, Leiter des INADI Río Negro, unterstreicht noch eimal die Aktualität der Thematik: "Das große Publikum an diesem Tag zeigt die Notwendigkeit, dass sich die Gesellschaft der geschehenen Völkermorde immer wieder erinnert und sich ins Bewusstsein ruft, dass sie auch heute noch stattfinden, wie der aktuelle Fall von Morden an Bauern im Nachbarland Bolivien zeigt."

Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass in der Auflistung der Schulen das Instituto Primo Capraro, die Deutsche Schule Bariloche, fehlt. Von der Schulleitung oder dem Schulvorstand war bisher keine offizielle Begründung zu erfahren, warum keine Klassen an den Filmvorführungen teilnahmen. Verschiedenen Institutionen gegenüber hieß es, die Vorbereitungszeit sei zu kurz gewesen, oder man fühle sich nicht ein- sondern vorgeladen und stigmatisiert, als sei man als Deutsche Schule immerzu verpflichtet, an solchen Aktionen teilzunehmen. Dem deutschen Botschaftsreferenten gegenüber äußerten Mitglieder der Schulleitung und des Vorstandes, dass man den Film und die Materialien vorher nicht habe sehen können, sinngemäß wurde argumentiert, dass man seiner pädagogischen Verantwortung entsprechend die Schüler keinem unbesichtigten Material aussetzen wollte. Übrigens: Die Schulleitung war wie alle anderen Schulen vier Wochen vorher eingeladen worden, an den Koordinationstreffen und Filmsichtungen teilzunehmen und mitzuwirken. Außer bei einer Sitzung nahm die Schulleitung an keinem weiteren Treffen teil.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Paso Flores, letzter Teil

Und wie ist es nun den neuen Siedlern aus Deutschland in Paso Flores ergangen? Die erste Zeit war nicht ganz einfach. Vieles musste von Grund auf erlernt werden (Gemüseanbau, Schaf- und Rinderzucht, Pferdehaltung etc.). Hinzu kam, dass man von der Landwirtschaft allein nicht leben konnte. So war man - je nach Jahreszeit, denn im Winter gab es auf der Estancia weniger zu tun - gewissermaßen gezwungen, auch außerhalb von Paso Flores Arbeiten zu übernehmen. Alles, womit sich Geld verdienen ließ, wurde angenommen, so zum Beispiel Aufforstungs- und Straßenbauarbeiten in Patagonien. Auf dem Weg nach Bariloche findet man an vielen Stellen Wälder, die allesamt von Paso Flores aufgeforstet worden sind.

So vergingen einige Jahre. Im Laufe dieser Zeit grenzten sich jedoch zwei Gruppen mit unterschiedlichen Auffassungen innerhalb der Gemeinschaft voneinander ab, was schließlich Anfang der 70er Jahre zu einer Teilung der Gruppe führte. Ein Teil der Gruppe verließ Paso Flores, um an einem anderen Ort 300 Kilometer weiter südlich ihre Vorstellung vom Leben zu verwirklichen. Der Teil, der in Paso Flores geblieben waren, stand nun vor neuen Herausforderungen. Bei gleichbleibender Arbeit fehlte es an Arbeitskräften. Veränderungen und ein Umdenken waren zwingend notwendig: So begann man nun, auch externe Arbeitskräfte zu beschäftigen. Hatte man anfangs zum Erhalt eines ungestörten Verhältnisses zur Natur bewusst auf Maschinen verzichtet - was eine feste Überzeugung des anderen Teils der Gruppe war - wurden schließlich doch moderne Maschinen wie Traktoren oder Pflüge angeschafft, die das Leben und die Arbeit erheblich erleichtern sollten. So ließ es sich schließlich leben, jeder trug seinen Part dazu bei, dass der gemeinsame Traum gelebt werden konnte. Man unterhielt Kontakte zu den hiesigen Geschäften, um die Ernteerträge (zum Beispiel Sauerkraut) zu verkaufen, die Kinder gingen in eine 20 Kilometer weit entfernte Internatsschule und für medizinische Hilfe reiste man im Notfall in das 200 Kilometer entfernte Bariloche, oft reichte jedoch eine Behandlung der zwei Krankenschwestern innerhalb der Gemeinschaft aus.
So vergingen beinahe 20 Jahre, bis eines Tages neue Schwierigkeiten auf Paso Flores zukamen.
Im März 1984 begannen die Bauarbeiten zum Stausee Embalse Piedra del Aguila. In Zukunft sollte der Rio Limay auf einer ca. 300 km² großen Fläche zum Zwecke der Hochwasserregulierung sowie der Stromerzeugung gestaut werden. Leider befand sich Paso Flores genau an seinem Ufer. 1985 wurde dementsprechend das Land enteignet. Bis es jedoch zur Überflutung kam, hatte man noch einge Jahre Zeit. Dennoch machte man sich schon jetzt große Gedanken: "Noch einmal von vorne, ganz bei null anfangen?". So warfen die Gedanken und Sorgen einen großen Schatten auf Paso Flores, Resignation machte sich breit, man begann sogar das geistige Fundament anzuzweifeln, das über die Jahre so stabil und für alle ein fester Anker war. Das Zusammenleben gestaltete sich zunehmend schwierig, Konflikte standen ungelöst im Raum und verbitterten die Gemeinschaft. Kurz vor dem endgültigen Ruin erhielt man Besuch aus Europa, der das nötige Werkzeug mit im Gepäck hatte: Vergebung und Glauben waren die Stichpunkte, mit denen die Gruppe aus der Krise kam, gestärkt und optimistisch genug, um auch die bevorstehende Hürde meistern zu können. (Bei dem Besuch handelte es sich um die Christliche Gemeinde aus Deutschland, mit denen Paso Flores heute noch intensive Kontakte und Austauschprogramme pflegt).
Nach einer intensiven Suche fand man schließlich ein neues Land, ca. 15 Kilometer Luftlinie vom alten Paso Flores entfernt. In schier endlos erscheinender Kleinstarbeit baute man die Gebäude vom alten Paso Flores ab, um das Baumaterial für das neue Gelände nutzen zu können. So entstanden daraus die "neuen" Werkstätten, Ställe und Weiden, während die Wohnhäuser neu errichtet wurden.
Während der Bauarbeiten am Stausee kam es immer öfter vor, dass die Arbeiter Paso Flores als Übernachtungsmöglichkeit nutzten. Sie fühlten sich auf der Estancia teilweise so wohl, dass sie anfingen ihre Frauen und Kinder mitzubringen, um gewissermaßen Urlaub auf dem Lande zu machen. Reiten war möglich, andere Tiere konnten aus der Nähe betrachtet und gestreichelt werden und die Gegend lud zu endlosen Spaziergängen und Wanderungen ein. Aus diesem Zufall entwickelte sich langsam aber sicher die Idee, Gäste auf Paso Flores zu beherbergen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich für eine Weile in die Natur und Einsamkeit zurückzuziehen.
Mittlerweile ist Paso Flores sehr bekannt und beliebt, es ist zu einem beliebten Ausflugziel für immer wiederkehrende Patagonier oder Touristen aus vielen Ländern geworden.
Weitab von Krach, Kommerz und Konsum genießt man hier das Nichtstun.
Einige Dinge haben sich aber doch verändern müssen. So entbinden schwangere Frauen heute nicht mehr in Paso Flores, sondern reisen einige Zeit vorher nach Bariloche. Die Kinder besuchen weiterhin die nah gelegene Internatsgrundschule, für die Sekundarstufe ist man jedoch gezwungen die Kinder nach Bariloche zu schicken. Ob mit oder ohne Eltern, das entscheidet jede Familie individuell. Dies wird für Klaus, der übrigens mit einer Argentinierin verheiratet ist, in Kürze ein Thema sein, denn seine jüngste Tochter wird in einem Jahr die Grundschule verlassen. Der älteste Sohn ist bereits verheiratet mit einer deutschen Frau, die er durch ein Austauschprogramm kennen gelernt hatte. Beide wohnen und arbeiten hier, allerdings nicht gezwungenermaßen, jedes Kind kann frei entscheiden, welchen Beruf es erlernen und wo es leben will. Klaus' älteste Tocher wohnt zum Beispiel zurzeit in Cordoba, etwa 1.700 Kilometer von ihrer Heimat entfernt.
Auch jedem selbst überlassen ist der Umgang mit Gott und der Bibel. Außer der gemeinsamen Bibelstunde am Samstagmorgen gibt es keine Verpflichtungen, es obliegt jedem selbst ob und wie er zu Gott spricht oder wie lange und intensiv er in der Bibel verweilt. Auf die Frage, wie weit entfernt man in diesen Tagen von der ursprünglichen Idee und dem Anfangstraum sei, anwortete Klaus: "Noch nie waren wir so nah dran wie jetzt." Uns hat es gut gefallen in Paso Flores. Beeindruckt von diesem Ort und seiner Friedlichkeit blättern wir jetzt schon in unserem Terminkalender, wann wir wieder einmal dorthin fahren können.

So endete unsere kleine Geschichte über die Menschen, die für uns hier im wilden, einsamen Patagonien das Sauerkraut herstellen und uns für eine Weile ein Heimatgefühl bescheren ... Weiter Infos auf Spanisch von den uns begleitenden Journalisten Hans und Susanna findet ihr hier und hier im Río Negro.

PS: Hier in Bariloche gibt es einige Gerüchte rund um Paso Flores. Es gibt Menschen, die behaupten Paso Flores sei ein Nazi-Auffangbecken gewesen. Hitler selbst habe hier Unterschlupf gefunden, da er ja nie Selbstmord begangen hatte. In einem weiteren Artikel in der Tageszeitung Río Negro versucht Hans endlich mit diesen blödsinnigen Gerüchten aufzuräumen.

Donnerstag, 26. Juni 2008

Paso Flores Teil 2

Gehen wir weiter der Frage nach, "Wo eigentlich das Sauerkraut herkommt?" (siehe Paso Flores Teil 1). Die Pforzheimer Gruppe gläubiger Menschen befand sich weiter auf der Suche nach einem neuen Ort in einem anderen Land, an dem sie sich ein neues Leben aufbauen konnte, im Einklang mit den Aussagen der Bibel. Lange hatte man vergeblich Anzeigen in Zeitungen verschiedenster Länder aufgegeben, Kontakte zu Staaten gesucht, von denen man wusste, dass sie Imigranten aufnehmen. Die Erinnerungen an den Krieg jedoch waren noch recht frisch und so wollten viele mit deutschen Einwanderern nichts zu tun haben. Bis eines Tages ein englischer Seemann in einer Londonder Kneipe eine ihrer vielen Anzeigen in einer Zeitung las. Er schickte einen anonymen Brief an die Gemeinschaft mit der Information, dass die englische Regierung auf der Suche sei nach Arbeitskräften zum Aufbau der Infrastruktur auf den Falklandinseln sei. Schnell war der Kontakt hergestellt und so reiste einige Zeit später ein Teil der Gruppe, ungefähr 45 an der Zahl, auf die Falklandinseln. Unter ihnen der sechsjährige Klaus mit seinen Eltern und zwei seiner Brüder, während die zwei anderen erst einmal in Deutschland blieben. Sie arbeiteten fortan im Straßenbau, ihnen war jedoch zu jeder Zeit klar, dass die Islas Malvinas (Falklandinseln) nicht das Endziel sein konnten. Der Aufenhalt wurde nicht allen, sondern nur gesunden und arbeitstüchtigen Männern mit ihren Familien gewährt, was natürlich nicht ihrem solidarischen Grundgedanken entsprach, schließlich zählten auch körperlich behinderte und kriegsversehrte Menschen zur Gemeinschaft. Diese und weitere Umstände führten dazu, dass sich gegen Ende des zweiten Arbeitsjahres auf den Falklandinseln etwa zehn Männer auf die Reise Richtung Argentinien begaben, um eine endgültige Bleibe für alle Mitglieder der Gemeinschaft zu finden. Da die diplomatischen Beziehungen zwischen den Falklandinseln, die ja unter englischer Administration standen, und Argentinien, das Anspruch auf die Inseln erhob, sehr schlecht waren, musste man über Umwege nach Argentinien einreisen. Während eines halbjährigen Zwischenstopps in Uruguay wurde auf Feldern und Bauernhöfen gearbeitet, um weiter Geld für das zukünftige Projekt zu sammeln. Die Suche nach einer passenden Bleibe wurde dann in der Hauptstadt Argentiniens fortgeführt. Zwischenzeitlich arbeitete man dort als Reinigungskräfte im deutschen Krankenhaus von Buenos Aires. Man riet ihnen, ihr Glück doch mehr im patagonischen Süden des Landes zu versuchen. Das Klima wäre dem mitteleuropäischen sehr ähnlich, und schon andere Europäer hätten sich bereits dort niedergelassen. Gesagt, getan, so erreichte man gegen Ende der fünziger Jahre die Stadt Bariloche. Die Suche vor Ort und Mund-zu-Mund-Propaganda ließen erste Hoffnungen keimen, man erfuhr, dass Doña McDonald ihre Estancia "Paso Flores", etwa 80 Kilometer nördlich von Bariloche gelegen, zum Verkauf anbot. Ein vielversprechender Lichtblick, denn vor Ort schien alles wie für sie gemacht, und so wurde der Traum vom Leben außerhalb Deutschlands endlich für alle Mitglieder der Gemeinschaft Wirklichkeit. Eine neue Eappe begann. Alles war fremd, das Land, die Leute, die Sprache, doch zumindest waren jetzt alle wieder vereint, insgesamt rund 100 Menschen fanden in Patagonien ein neues Zuhause.

Übrigens: Als wir dort zu Gast waren, jährte sich dieses Ereignis auf den Tag genau zum 50sten Mal.

Fortsetzung folgt ...

Freitag, 6. Juni 2008

Wo kommt eigentlich das Sauerkraut her? - Paso Flores Teil 1

Wenn das Heimweh unser Gemüt beschwert, das Bife de Chorizo kurzfristig an Attraktivität verliert und man sich Currywurst rot-weiß oder Döner herbei sehnt, dann steigen hier - 12.000 Kilometer weitab von heimischen Gefilden - die Bemühungen, Schätze der deutschen Esskultur zu erstehen und werden durchaus von Erfolg gekrönt. Neben Gulasch con Spatzle, Strudel de manzanas (Apfelstrudel) und salchichas tipo aleman (deutsche Bratwürstchen), die man hier in vielen Restaurants bestellen kann, ist das Chucrut (Sauerkraut) hier ein absoluter Renner. Wenn wir in der Stadt an einem der wenigen Geschäfte vorbei gehen, das im Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift Hay chucrut! (es gibt Sauerkraut) hängen hat, kommen auch wir zuweilen in Versuchung, ein Pfund mitzunehmen. Der Großteil des Chucrut, das hier verkauft wird, kommt aus Paso Flores. Durch die deutsche Gemeinschaft hier in Bariloche hatten wir schon viel davon gehört, konnten uns aber eigentlich nie etwas darunter vorstellen. Die erste und einzige Assoziation beim Hören dieses Namens war bei uns stets, dass es sich dabei um die Leute handeln müsse, die für die ganze Region das Sauerkraut machen. Aber, wer oder was war Paso Flores wirklich? … Es sei schön dort und eine Reise wert, so sagte man uns auf Nachfragen. Neugierig und ein wenig alltagsmüde machten wir uns dann Ende April auf den Weg nach Paso Flores. Ein verlängertes Wochenende stand an und mit zwei argentinischen Journalisten im Schlepptau (die ebenso, wenn nicht noch neugieriger waren als wir) sollte es möglich sein, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Nach einer etwa zweistündigen Fahrt an der Talsperre Embalse de Piedra de Aguila, danach links und dann 36 km auf unbefestigten Pisten gerade aus durch die patagonische Steppe ... und irgendwann erhebt sich aus dem Nichts die Estancia Paso Flores. Sowohl in deutscher als auch spanischer Sprache wird man willkommen geheißen. Das Gelände gleicht einem Kloster, einer Jugendherberge, einem Bauernhof und einer Begegnungsstätte zugleich. Ein Spaziergang auf dem Gelände, vorbei an Gemüsegärten, Ställen, Weiden, lässt uns an das friedliche Leben der Familie Ingalls (Unsere kleine Farm) erinnern. Sogar ein eigener Friedhof zeugt von der Autonomie und Abgeschiedenheit dieses Ortes. Nach dem Mittagessen haben wir die Möglichkeit, mit Klaus zu sprechen. Klaus hat Deutschland im Alter von 6 Jahren zusammen mit seiner Familie verlassen, das war Mitte der fünfziger Jahre. Nach dem Krieg hatte sich in Pforzheim eine Gruppe gläubiger Menschen gebildet, die aber durch die vergangenen Jahre den Glauben an die Kirche verloren hatte, der Bibel jedoch als Grundlage ihres Glaubens und Lebens treu bleiben wollten. Da man immer mehr erkannt hatte, dass ein Leben in Deutschland nicht mit diesen Überzeugungen zu vereinbaren sei, verspürte man immer mehr den Wunsch Deutschland zu verlassen. Das war die Idee, die Umsetzung blieb jedoch erstmal ein Traum. Verschiedenste Versuche, in anderen Ländern Arbeit und eine neue Heimat zu finden, schlugen fehl. Die Menschen aus Pforzheim begegneten viel Misstrauen und Unglauben, so traf man sich weiterhin regelmäßig zu gemeinsamen Bibelstunden in der Konditorei von Klaus' Vater. Bis eines Tages ein englischer Seemann in einer Londoner Zeitung ihre Anzeige las ...

Fortsetzung folgt

Freitag, 12. Oktober 2007

Oktoberfest in Argentinien

Es gibt mal wieder von einigen Feierlichkeiten zu berichten. So veranstaltete der Träger der deutschen Schule Bariloche, der Deutsch-Argentinische Kulturverein, am 6.10.2007 das alljährliche Oktoberfest. Da wurde ab 10 Uhr morgens die kleine Turnhalle geschmückt und in ein Festzelt verwandelt. Ab vier Uhr hatten dann alle Menschen der Stadt Einlass, um am Geschehen teilzunehmen. Auf einer Bühne tanzten Kindergruppen mit Namen wie Blume und Rose. Vor der Bühne die typischen Biertische. An einem Pavillon wurden Getränke und Speisen (u. a. Sauerkraut und Würstchen) verkauft. In der anderen Ecke der Halle hatten die Kinder und Erwachsenen die Möglichkeit, ihr Geschick und Glück auf die Probe zu stellen. Da wurden Büchsen umgeworfen, Kerzen mit Wasserpistolen "ausgespritzt", gekegelt und im Sand nach Schätzen gegraben. Alles in Allem ein sehr gut besuchtes Fest mit viel Musik und Tam Tam, so dass ich mich nach meinem "freiwilligen" Einsatz an der Sandgrube am Abend zwangsläufig mit Kopfschmerzen und einem Tinnitus im Ohr ins Bett fallen ließ.

Dann ging es am nächsten Mittwoch in der Schule mit der alljährlichen Ausstellung zum „Tag der deutschen Einheit“ weiter. In wochenlanger Vorarbeit werkelte jede Klasse mit ihrem Lehrer intensiv an einem Projekt, welches dann an diesem einen Tag (für nur vier Stunden!) präsentiert wurde: Ein vier Meter großer Kölner-Dom, der Checkpoint Charly und ein kleiner Münchener Biergarten luden ein zum Schauen, Staunen und Genießen. Hatte man sich dann alle Informationen durchgelesen, wusste man bestens Bescheid über Bundesländer und Landschaften Deutschlands, die Berliner Mauer, deutsche Autos, Spielzeuge, berühmte Straßen Deutschlands, Hamburgs Hafen, Dürrenmatt, Hundertwasser und die Heinzelmännchen von Köln. Jeder Schüler kannte mehr oder weniger seinen Text zu seinem Thema auswendig, der dann vor den Besuchern gebetsmühlenartig aufgesagt wurde. Da wurde zuweilen das ein oder andere Wort verwechselt oder einfach vergessen, sodass der Zuhörer nicht wirklich etwas verstehen konnte. Aber das war Allen eigentlich egal. Die Ausstellung war wie jedes Jahr ein riesiger Erfolg, alle waren begeistert, so dass wir uns schon auf das nächste Jahr freuen können. ;-)

Donnerstag, 2. August 2007

Osorno, oder der gelungene Abschluss einer langen Reise

Lange überlegen wir, ob wir lieber schnell nach Hause wollen, um endlich einmal anzukommen und nicht mehr ans Weiterfahren denken zu müssen (am Ende sollen es 5156 Kilometer werden), oder ob wir noch einen Zwischenstop in Osorno einlegen, um einen Kollegen zu besuchen. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns für Zweiteres. Den Kollegen besuchen wir jedoch nicht in seinem "Wohnklo" (wie er sagt) mitten in der Stadt Osorno, sondern aufgrund einer Krankschreibung ist er mit seiner Frau die Woche über in seinem Haus am Fuße des Vulkans Osorno geblieben. Unser Glück, denn allein die Fahrt dorthin in der sanften Abendsonne ist die reinste Sinnesfreude: In einer mehr oder weniger flachen grünen Landschaft ragt ein großer, einsamer Berg heraus, ganz allein auf weiter Flur! Uns fällt es schwer den Blick abzuwenden, denn er gleicht wie einer Zeichnung aus einem Bilderbuch. Fast zu perfekt, um echt zu sein. Scheinbar symmetrisch erhebt er sich aus dem Nichts, der Gipfel sieht aus, als hätte man die obere Spitze sauber mit dem Messer abgeschnitten.

Das Holzhaus des Kollegen ist traumhaft auf einer großen Wiese am See gelegen. Innen gibt es eine große Fensterfront (siehe Foto re.), von der man den Vulkan gänzlich bewundern kann. Es wirkt wie eine riesige Filmkulisse, von der man jeden Moment erwartet, dass sie abgebaut wird oder jemand ein anderes Motiv davor schiebt... Nach der ersten Nacht entscheiden wir, noch eine Nacht zu bleiben, zu schön die Gegend, zu schön das Wetter, zu schön die Kulisse, die tatsächlich bleibt.

Ein gelungener Abschluss unseres fast dreiwöchigen Urlaubs!

Freitag, 13. Juli 2007

Fiesta de las Colectividades

Am letzten Wochenende hat ganz Bariloche drei Tage lang getanzt. Aber nicht etwa lateinamerikanische Salsa, Samba oder Cueca, wie man meinen könnte, sondern traditionelle Tänze aus Ländern des "guten, alten Europa". Folklore aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus Russland, Kroatien, Slowenien, Italien, Spanien und dem Baskenland wurde von eben so vielen Schülertanzgruppen dargeboten. Kurze Einlagen des argentinischen Tango und des traditionellen Chacarera der Gauchos fehlten natürlich dennoch nicht. Das Ganze nennt sich Fiesta de las Colectividades [span. Seite] und wird von den hiesigen Gemeinschaften der europäischen Einwanderer organisiert. Ganz ehrlich, ich habe hier in den letzten Monaten mehr heimische Volkstänze (Polka, Landler, Walzer) gesehen als in zwanzig Jahren zuvor, wie ich ja schon zu meinem ersten echten Schuhplattler auf der Jubiläumsfeier unserer argentinischen (!) Deutschen Schule bemerkt hatte (siehe Post vom 16. März).

Auf der Fiesta gab es außerdem kulinarische Köstlichkeiten wie italienische Pizza, spanische Paella, russischen Borschtsch, ungarisches Gulasch, deutsches Sauerkraut mit Kassler (tatsächlich vom Schwein, das man hier eigentlich nirgendwo findet) und Hot Dogs am dänischen, schweizer und deutschen Stand (typisch europäisch?!), natürlich Wein, deutsches Bier und russischen, sehr leckeren Wodka (da wurden Erinnerungen an Charkiv wach), serviert von einer russischstämmigen Ukrainerin, die ursprünglich aus Jalta auf der Krim kommt (siehe auch Konferenz von Jalta) und seit sieben Jahren mit einem Argentinier aus Bariloche verheiratet ist. Ebenso bunt wie diese Paarung waren die vielen Kuchen und Torten aus aller Herren und Frauen Länder: Streusel, Apfelstrudel (der heißt hier wirklich estrudel de manzana), Kirschkuchen und natürlich Schokoladentorte, die in Bariloche nicht fehlen darf. (Eins der vielen Schokoladengeschäft hier heißt tatsächlich „Mamuschka“. Um dem Vorwurf der Schleichwerbung vorzubeugen, aber vor allem, damit ihr euer Bild der Barilochenser Schokoladenindustrie vervollständigen könnt, seien noch Del Turista und Rapa Nui genannt.) Komischerweise gabs aber keinen argentinischen Stand, weder von den eurpäischstämmigen Argentiniern noch von der indigenen Bevölkerung.

Es war ein wunderbar rauschendes Fest ohne Gastgeber, die Stadthalle war brechend voll, die Ränge ebenso und die Leute feierten durch bis morgens früh … Na jedenfalls lang genug, so dass später oft erzählt wurde, es wäre sehr viel getrunken worden. Mal ganz unter uns, es war nicht ein Gast des Festes auch nur annähernd so betrunken wie ein durchschnittlicher Besucher einer deutschen Dorfkirmes, eines Schützenfestes oder auf Karneval. Die argentinischen Schüler, die kürzlich drei Monate in Deutschland waren, erzählten unisono von ihren Erfahrungen mit Alkohol und den betrunkenen Karnevalisten auf Kölner Straßen beziehungsweise von deren Begegnungen mit der Polizei. Da braucht man sich nicht mehr wundern, woher das Klischee vom „trinkfesten Deutschen“ kommt ...

Was für ein schönes, buntes, multikulturelles Fest! Wie gut, dass die conquistadores damals ganze Arbeit geleistet hatten, als sie das Land eroberten, die meisten indigenen Völker abschlachteten und die Übrigen unterwarfen. Die 40 Prozent der Argentinier, die auch in Bariloche unter der Armutsgrenze leben und größtenteils von den Menschen abstammen, die das Land ursprünglich mal bevölkerten, waren auf dem Fest nicht zu sehen. Es kostete 20 Peso Eintritt. 5 Euro.

Samstag, 3. März 2007

"El asador" oder wie werde ich Grillweltmeister

Bariloche. Heute haben wir unser erstes asado. Die Sonne schickt warme 25 Grad vom strahlend blauen Himmel in den schattigen Garten. Perfekt. Siegrid, die Tochter unserer Vermieter Maria und Ernst, ist mit ihren Söhnen und ihrem Freund aus Valdivia (Chile) rüber gekommen, um ihre Eltern noch einmal zu besuchen, die eigentlich schon längst in Ägypten sein sollten. Aber Ernsts Projekt verzögert sich und die Abreise verschiebt sich Woche für Woche. Die beiden hoffen, Ende März endlich fliegen zu können. Die letzten zwei Wochen haben wir zu viert in ihrem großen Haus gelebt, alle nur mit Reisegepäck. Ihre Habseligkeiten sind schon verpackt und verstaut, unsere Kartons stehen noch in Bremen, weil das Schiff erst am 6. März ablegt. Ankunft frühestens April, das musste ja so kommen. Wir wissen noch gar nicht, was wir demnächst ohne die beiden machen sollen, Maria und Ernst nennen uns chicos und wir hätten fast Mama und Papa zu ihnen gesagt ... Vor zwei Tagen sind sie allerdings in ein Appartement gezogen. Da wir jetzt ab März offiziell Miete zahlen würden, sei das nur konsequent und völlig in Ordnung so, beteuern sie und dulden darüber auch keine Diskussion. Es ist schon eine komische Situation, die Eigentümer des Hauses zwei Straßen weiter in einem Ein-Zimmer-Appartement zu wissen, während hier zwei Gästezimmer mit eigenem Bad leer stehen. Sie haben uns das Haus übrigens für zwei Jahre vermietet, obwohl sie voraussichtlich nur ein Jahr in Ägypten bleiben … Abgesehen von diesem abstrusen Gedanken ist es ein gutes Gefühl, bereits nach so kurzer Zeit ein Heim beziehen zu können, um möglichst schnell Fuß zu fassen. Nach den ganzen Vorbereitungen und dem Umzugsstress ist ein gutes Buch im sonnigen Garten einfach nur Balsam für die Seele (Hape Kerkelings Reise auf dem Jakobsweg kann ich übrigens wärmstens empfehlen).

Heute gab`s also asado. Das ist nicht nur irgendein Stück Fleisch (ein wirklich ellenlanges Stück Rippensteak), „es ist ein Ritual, das am Wochenende von dem meisten Familien praktiziert wird … Gegrillt wird nicht wie in Europa auf Holzkohle, stattdessen wird hartes Holz verbrannt, die dabei entstandene Glut unter ein Rost gezogen, und darauf wird gegrillt. Ein Asado besteht aus einer bestimmten Folge von verschiedenen Würsten und Fleischstücken, das Essen dauert mindestens drei Stunden, und die Kunst des Asadors besteht darin, das richtige Stück Fleisch oder Wurst zum richtigen Zeitpunkt richtig gegart zu haben.“, sagt jedenfalls der Reiseführer*. Das Ganze sei im Buch „El asador“ wunderbar auf die Schippe genommen, sagt Ernst und schmunzelt – und serviert auf der Glut harten Holzes gegrilltes, mit Kräutern gewürztes, bestes patagonisches Lamm. Traumhaft köstlich! Weil wir hier seit unserer Ankunft fast nur mit Deutsch-Argentiniern zu tun haben, die eben teilweise noch recht deutsch sind und nicht jede Woche asado machen, mussten wir eben vier Wochen auf unser erstes (kleines) asadito warten. Das ist allerdings auch gar nicht weiter tragisch, denn jedes Wochenende könnte ich so viel chorizos (gewürzte Bratmettsalamiwürste), pollos (Hühnchen), asados de tira (Rippensteak) und corderos patagónicos (Lamm) gar nicht essen. Die nächsten zwei Wochen reichen mir Wasser und Brot! Zum Glück sind wir nicht mehr zu den morcillas (Blutwurst) gekommen, denn die sind ebenso wenig nach meinem Geschmack wie manch anderes, was Argentinier so auf den Grill schmeißen: chinchulines (Därme nur mit Milch genährter Rinder), riñones (Niere) und andere Innereien. Zum Glück ist Ernst so deutsch, dass er das Zeug gar nicht erst gekauft hat. Morgen wollen wir per pedes Bariloches Hausberg, den Cerro Otto (1405m), erklimmen, um endlich mal einen Panoramablick über die Stadt werfen zu können. Da bleiben dann sicher schon ein paar Gramm chorizo auf der Strecke.

* Reise Know-How (2005): Argentinien, Uruguay, Paraguay. Mit diesem Reiseführer und dem Lonely Planet ist man bestens ausgestattet.