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Montag, 26. Januar 2009

Feindseligkeiten

Will man Feuerland besuchen, also die südlichste Republik Argentiniens, stehen Strapazen und langwierige tramites (Behördengänge, Papierkram) auf dem Reiseprogramm, die dazu führen, dass ein jeder sich die Reise gut überlegen und abwägen sollte, den Stress mitzumachen. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass sich zwischen der Insel Feuerland und dem argentinischen Festland chilenisches Festland befindet, das es zu passieren gilt, wenn man zum Beispiel die angeblich südlichste Stadt der Welt, Ushuaia, besuchen will. Passieren heißt in diesem Fall:

  1. Ausreisen aus Argentinien
  2. Einreisen in Chile
  3. Fährfahrt über die Magellanstraße
  4. Ausreichen aus Chile
  5. Einreisen in Argentinien

Deshalb ist es kein Wunder, dass man für die Fahrt von 600 km ungefähr 13 Stunden braucht, denn die halbe Zeit steht man an der Grenze.

Auf unserer Reise konnten wir wieder einmal nur staunen, wie groß der Mentalitätsunterschied zwischen Argentiniern und ihren chilenischen Nachbarn tatsächlich ist. Gehört und gelesen haben wir so einiges über die seit Ewigkeiten herrschende Feindschaft zwischen den Ländern. Ähnlich wie die nicht ganz ernst zu nehmenden Floskeln der Deutschen über die Niederländer oder die berühmte Städtefeindschaft zwischen Köln und Düsseldorf hielten wir die gegenseitigen Behauptungen über Chilenen und Argentinier für harmlos und abseits jeglicher Realität. Doch während unseres Aufenthalts in Südamerika stießen wir zu unserem Erstaunen hier und da auf hinreichende Hinweise, dass dieser Dorfklatsch durchaus seinen Anspruch auf Wahrheit verteidigen kann.

Die Argentinier seien arogant, faul, überheblich und würden den lieben langen Tag kein Werk geschafft bekommen. Während die Argentinier sich zum Abendessen zu Tisch setzten, schlafen die Chilenen schon tief und fest, um am nächsten Morgen pünktlich und tatkräftig ihr Tagwerk zu beginnen. Zu dieser Zeit dann dreht der Argentinier sich noch einmal genüsslich im Bett um, um dann später irgendwann bei der Arbeit zu erscheinen. Wenn der Argentinier dann einmal dort ist, bekommt er sowieso nichts Vernünftiges auf die Reihe. Daher wird zunächst mal Mate getrunken und über alles Mögliche geredet. Wenn es dann ans Arbeiten geht, so würde dies mit einer Langsamkeit vor sich gehen, die an das Leben eines Faultieres erinnert. Dennoch, die Argentinier sind stolz auf ihre Nation, ihre ausgesprochene Feierlaune und schütteln fast schon mitleidig den Kopf, wenn sie an das Volk jenseits der Anden denken. Die Chilenen seien humorlos und Lebenslust für sie ein Fremdwort. Ausgelassen feiern, tanzen und sich allein des Daseins erfreuen scheine für sie eine Sünde. So erinnert wohl auch ein gern und oft genutzter Spruch für Poesiealben an diesen Kontrast:

"Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam bescheiden und rein. Nicht wie die stolze Rose, die stets bewundert will sein."

Wir wundern uns hier und da, wenn zum Beispiel die Argentinier in ihrem Urlaub an den schönsten Orten des Landes stets sich in den Fokus der Fotokamera setzten. Wie oft haben wir erlebt, wie vor wunderschöner Natur endlos lang posiert, ja sogar die Garderobe gewechselt, noch einmal gekämmt und geschminkt wurde.

Ein weiteres Indiz für das gesunde Selbstbewusstsein der Nation scheinen die in jeder Stadt und in jedem Dorf befindlichen Kriegsdenkmäler zu sein. Auch hier wird posiert, diesmal jedoch vor ungewollt hässlicher Kulisse. Hier die Nachbildung eines Kampfjets, dort eine Gedenktafel und etwas weiter ein paar Soldatenstatuen. Es scheint, als ob sie nach Ende des Falklandkrieges im Juni 1982 wie Pilze aus den Boden geschossen seien. Warum? Wahrscheinlich um dem Ego der Argentinier wieder auf die Sprünge zu helfen, hatten sie den Krieg ja schmählich verloren, und man sagt, dies sei nicht zuletzt auch auf militärische Selbstüberschätzung zurückzuführen. (Ein Gutes hatte der Krieg zumindest: Die seit 1976 grausam herrschende Militärjunta fand dadurch ihr jähes Ende und machte den Weg frei für Gerechtigkeit und Demokratie - oder so ähnlich...).

Dennoch bleibt das Selbstbewusstsein der Argentinier ungebrochen. Die Chilenen scheinen nicht ganz Unrecht zu haben. Fragten wir zum Beispiel einen Argentinier nach dem Weg, so gab es immer eine Antwort. Oft war die Beschreibung falsch, aber ein Argentinier würde sich wahrscheinlich eher die Zunge abbeißen als zugeben zu müssen, das er es nicht wisse - selbst, wenn es nur um die Frage nach dem Weg geht.

Will man eine Dienstleistung in Anspruch nehmen und spricht auf den Anrufbeantworter einer Schreinerei, beim Arzt oder der Autowerkstatt, so sollte man niemals mit einem Rückruf rechnen. Will man etwas erledigt haben oder in Auftrag geben, so muss man hartnäckig sein und immer wieder Präsenz zeigen. Von alleine kommt der Argentinier dem Kunde niemals entgegen. (Man könnte gemein behaupten, dass der Kunde ihn vom geselligen Mate Trinken abhalte, von daher halte er sich die Kunden stets auf Abstand). Als Kunde bleibte einem da nur Geduld und Ausdauer. Mit böser Miene oder Unzufriedenheit ist einem nicht geholfen.

So auch beim täglichen Einkauf im Supermarkt. Es scheint, als möge die Kassiererin jedes einzelne Produkt auf dem Förderband persönlich begrüßen, so langsam und behutsam geht sie mit Mehl, Nudeln und Schokolade um. Danach noch mit jedem Kunden ein Schwätzchen über Wetter, Kinder oder das gerade gekaufte Produkt ("Ist das wirklich so teuer? Unglaublich"). Dabei bringt sie nichts aus der Ruhe, nicht die lange Schlange, nicht die zu wechselnde Kassenpapierrolle, und auf "Ich-habe-es-eilig"-Bekundungen schon gar nicht.

Zusammengefasst: Es scheint die Gerüchte über die Argentinier beinhalten einen Hauch Wahheit. Die Grenzformalitäten während unserer Fahrt nach Feuerland machen dies deutlich. Auf chilenischer Seite geschieht alles meist zu einem Bruchteil der Zeit, die wir auf argentinischer Seite stehen... und in der Regel doppelt so lange warten.

Wir treffen im Hotel in Rio Gallegos auf die argentinische Hotelbesitzerin, die erst vor drei Jahren wieder herübersiedelte, diesmal mit ihrem chilenischen Mann. Auch sie bestätigt diesen Kontrast, obwohl als Kind selbst in Argentinien aufgewachsen, sei es jetzt oft noch schwierig, sich wieder an die argentinische Langsamkeit zu gewöhnen. Alle Prozesse dauerten schier ewig, alles gehe nur über Freunde oder lange Umwege und ende nicht selten im Chaos. Dass das Hotel unter chilenischem Einfluss steht, bekommen wir am nächsten Morgen zu spüren. Mit Blick auf die Uhr (sie zeigt Fünf nach Zehn), zögert der Angestellte mit der Ausgabe des Frühsück. 'Schließlich sei die Zeit dafür ja schon vorbei.'

Auf die große Frage nach dem "Warum" dieser Unterschiedlichkeit und Feindseligkeit zwischen Argentiniern und Chilenen, kann uns keiner eine genaue Auskunft geben. Es heißt, die Anden seien immer schon eine große und hinderliche Barriere gewesen, den Nachbarn kennenzulernen. Das sei immer nur mit großem und beschwerlichen Aufwand verbunden, den man nur selten auf sich nähme. Auch im Zeitalter der Autos, Busse und trotz asphaltierter Straßen scheint dieses Gespenst irgendwie weiterzuleben. Warum sonst werden am Abend pünktlich um acht Uhr die wenigen Grenzpässe geschlossen und erst morgens um acht Uhr wieder geöffnet?

Weiterführende und aufschlussreiche Artikel findet man hier:

Freitag, 16. Januar 2009

Das teuerste Restaurant Argentiniens

Das Restaurant Milliways am Ende des Universums gilt laut Douglas Adams als "eine der außergewöhnlichsten Unternehmungen in der gesamten Geschichte des Gaststättengewerbes", das Kaupé dürfte demnach sicher als das teuerste Restaurant am Ende der Welt gelten, genauer in Ushuaia, der Hauptstadt der argentinischen Provinz Tierra del Fuego, die sich mit vielen anderen Orten um den Titel "Südlichste Stadt der Welt" streitet. Das Kaupé rühmt sich wie viele Gaststätten in Ushuaia mit den besten Königskrabben - und wird vom Lonely Planet empfohlen. Die Königskrabben waren ausgezeichnet - und ebenso königlich teuer. Das Hauptgericht Centolla Kaupé kostete 88 Pesos, mit einem Spinatpuder gar 90 Pesos. Die Fotos auf dieser Seite (einzelne Gerichte anklicken) geben einen originalgetreuen Eindruck der bescheidenen Portionen wieder, edel ist eben nur, was rar ist. Fazit: Geschmeckt hat es, und der Service war auch ausgezeichnet, wie wir es bisher in keinem argentinischen Restaurant erlebt haben. Und das kostet eben seinen Preis. Nur, während wir gegenüber den Preisen im Reiseführer aus dem Jahr 2006 eine durchschnittliche Preissteigerung von 80 bis 100 Prozent feststellen können, sind die Preise im Kaupé mal eben um rund 150 Prozent gestiegen. Weitere Kommentare erübrigen sich, nachdem auf der Rechnung auch noch je 6 Pesos für's Gedeck auftauchten.

Post scriptum: Heute Abend hatten wir in Puerto San Julián leckere Tintenfischringe als Vorspeise, ein Milanesa mit Papas fristas und ausgezeichnete Tallarines mit frischen Meeresfrüchten, dazu Getränke, eine Nachspeise hat nicht mehr gepasst. Gesamtpreis: 87,50 Pesos. Das Restaurant Naos findet man ganz leicht am Hafen rechts (Straße 9 de Julio und Mitre).

Freitag, 28. November 2008

Crearte

Hier mal ein Eindruck von meiner Arbeit (als Volunteer) bei Crearte, dem "Centro Cultural para personas con discapacidades". Hier verbringen von Montag bis Freitag 50 bis 60 Menschen mit geistigen Behinderungen ihren Tag und haben die Mögichkeit, an vielen verschiedenen tallers (Arbeitsgemeinschaften) teilzunehmen und somit ihren Interessen nachzugehen und ihre Fähigkeiten weiter auszubauen. Ich selbst helfe in der Marionetten- und Nähwerkstatt sowie in der Schreinerei mit und habe mitunter viel Spaß mit den Leuten vor Ort.

Die Initiative besteht seit 1995 und ist hat sich immer wieder weiterentwickelt. Viele Dinge werden der Öffentlichkeit zum Verkauf angeboten, darüber hinaus gibt es regelmäßig Tanz-, Theater- und Percussion-Aufführungen, die sich lohnen. Wenn alles klappt, wird die Theatergruppe im Juni nächsten Jahres auf Deutschland- und Schweiztournee sein und in Stuttgart ihr Theaterstück "Tanguearte" aufführen. Hoffen wir, dass nichts dazwischen kommt.




Samstag, 22. November 2008

Des Argentiniers wahre Seele

Davis-Cup-Finale im Tennis, Argentinien gegen Spanien, die Sandplatzspezialisten aus Spanien sind nicht nur wegen Tarzan Nadal haushoher Favorit, Argentinien jedoch bekommt Heimrecht und darf Austragungsort und Bodenbelag bestimmen. Die Krux an der Geschichte ist, dass auch die Argentinier eher auf Sand als auf Hartplatz gewinnen. Und, es gibt kein echtes Tennisstadion, selbst für das größte Turnier des Landes in Buenos Aires (ATP-Status mit 531.000 USD Preisgeld!) werden Stahltribünen aufgebaut, die das enthusiastisch grölende und hüpfende Publikum fast zu Fall bringt. Nach langen Diskussionen um Ort und Belag, die in der heimischen Presse genüsslich ausgebreitet werden, entscheidet man sich für Mar del Plata an der Atlantikküste, mit 600.000 Einwohnern immerhin noch die siebtgrößte Stadt Argentiniens, aber auch die Heimat von Tennis-Legende Guillermo Vilas, der gleich mal für irgendwas geehrt wird, nomen est omen. Und man verlegt einen Hartplatz, um die Chancen zu steigern. Als dann auch noch Rafa Nadal wegen Übermüdung und Schmerzen absagt, kippen die Wettquoten und TyC Sports darf sich auf noch höhere Einschaltquoten freuen.

Und wer jetzt denkt, ich hielte mit den Gauchos, der irrt. Denn was hier abgeht, ist typisch argentinisch, hochmütig und selbstgerecht, kokett und chauvinistisch, Klischee wie es im Buche steht. In den lokalen Medien liest man: "Die argentinischen Fans glüten vor Inbrunst und verwandelten das Stadion 'Islas Malvinas' in einen Hexenkessel. (...) La Bombonera (Stadion von Boca Juniors) eingezwängt in einen Tennisplatz." Was sich hier während der Matches abspielt, habe ich im ganzen Tennis noch nicht gesehen. Das Publikum der Australien-Open und der US-Open, das in der Szene als laut und manchmal unhöflich bekannt ist, weil die Fans schonmal hörbar Partei ergreifen, nimmt sich dagegen wie leise Konzertränge aus. Ununterbrochene Fangesänge, laute Schlachtrufe mit Trommeln und Trompeten begleiten jeden Ballwechsel, gellende Pfeifkonzerte, Zwischenrufe und Buh-Rufe erschallen bei jedem Aufschlagfehler, die Fehler und besonders die Doppelfehler der Gegner werden bejubelt, und sogar während der Aufschlagvorbereitung der Iberer und während der Ballwechsel ebbt das Gegröle nicht ab - ein Tabu im Tennis. Das Westfalenstadion beim Revier-Derby ist nichts dagegen, sowas kannte man vielleicht noch aus den besseren Tagen der DEG an der Brehmstraße, heute allenfalls noch mit der Anfield-Road oder Old Trafford vergleichbar. Die Argentinier zeigen hier ein Verhalten, das an Unsportlichkeit und Arroganz nicht zu überbieten ist, die Gesänge gehen deutlich unter die Gürtellinie, nur ein Beispiel: "A estos putos maricones les tenemos que ganar." (Gegen diese gef... Schwu... müssen wir gewinnen.")

Aber so ist er eben, der Argentinier, fanatisch und egoistisch, und dazu eben ein wenig heimtükisch und gewissenlos, wenn es um sein Wohl geht. Der Stuhlschiedsrichter hebt beschwichtigend die Arme und bittet unablässig um Ruhe, ohne jeden Erfolg, immerhin versucht auch der argentinische Coach, die Meute zu beruhigen. (Ich habe noch nie einen Tennisschiedsrichter so viel reden hören.) Um so bewundernswerter ist die Ruhe der spanischen Spieler, die nach den ersten drei Partien mit 2 zu 1 führen, da Fernando Verdasco und Feliciano Lopez das Doppel nach Satzrückstand für sich entscheiden (5-7, 7-5, 7-6, 6-3). Morgen stehen die entscheidenden beiden Einzel an, für mich ist die Entscheidung jedoch schon gefallen, Europameisterschaftsfinale hin oder her, egal ob die Iberer hier den ungleichen Kampf gegen tausende Irre gewinnen oder verlieren, sie haben meine ganzen Sympathien. Und jetzt können sie auch mal dem verzweifelten toro gegen übermächtige Toreros nachfühlen.


Nachtrag: Spanien gewinnt den Davis-Cup nach 2000 und 2004 durch den entscheidenen Sieg von Fernando Verdasco mit 3 zu 1, das letzte Einzel wurde nicht mehr gespielt. Da können wir uns wohl 2012 auf den nächsten Sieg der Spanier einstellen.

Sonntag, 16. November 2008

Weiter Richtung Norden

Mit zwei Koffern ging es nach meiner Fortbildung in Buenos Aires weiter nach Misiones, der nordöstlichsten Provinz Argentiniens. Wie ein Dorn ragt sie aus dem Land in die beiden Nachbarländer Paraguay und Brasilien. Grenzen bilden die Flüsse Paraná, Iguazú und Uruguay. Das Klima ist subtroptisch mit warmen feuchten Sommern. Einst war die Provinz Teil des atlantischen Regenwaldes, der ursprünglich mit seiner Fläche von zwei Millionen Quadratkilometern auch große Teile von Brasilien und Paraguay bedeckte. Heute sind nur noch sieben Prozent dieses Waldes vorhanden. In den letzten Jahrzehnten fielen weite Teile verschiedensten Industrie- und Landwirtschaftsprojekten zum Opfer, so zum Beispiel dem Anbau von Eukalyptus-Monokulturen zur Papier- und Zellstoffherstellung, Tabak, Tee, Yerba und Soja… Der atlantische Regenwald beherbergt eine Fülle von Tiere und Pflanzen, deren Bestände seit Beginn der Abholzungen immer weiter zurückgehen.

Immer weiter zurückgedrängt und von ihrer Existenz bedroht werden dadurch auch die Ureinwohner dieser Gegend, die seit über 2000 Jahren dort im Einklang mit der Natur ihr Überleben sichern konnten. Die Rede ist von den Guaraní-Indianern, ein Volk von Jägern und Sammlern, die im atlantischen Regenwald einst alles zur Verfügung hatten, was sie zum leben brauchten. Dabei nahmen sie sich vom Wald und der Natur stets nur das, was sie zum Überleben brauchten, wie zum Beispiel Früchte, Wurzeln und Samen, aber auch Fisch und frisch gejagtes Wild stand einst auf dem Speiseplan. An einem Ort angekommen bauten sie solange Mais und Maniok an (denn diese wachsen relativ schnell), bis die Erde unfruchtbar wurde, und wanderten weiter, bis sie einen neuen Ort gefunden hatten. Dabei waren sie oft sehr lange unterwegs und legten unvorstellbare Entfernungen zurück. Mit der Einwanderung der Europäer veränderte sich das Leben der Guaraní, viele wurden versklavt und misshandelt. Ab 1608 kamen die ersten Jesuiten in die Region, bekehrten viele Guaraní, die fortan in den Jesuitenredukionen lebten und so der Sklaverei entkamen, bis nach vielen, teilweise auch kriegerischen Auseinandersetzungen, der spanische König die Guaraní 1767 vertreiben ließ und die Reduktionen auflöste. Die Gebäudereste dieser Reduktionen können auch heute noch bestaunt werden und wurden teilweise sogar von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Die Guaraní zogen sich wieder in die Wälder zurück und versuchten an die alte Kultur anzuknüpfen. Mit dem Bau der ersten Verkehrswege, der beginnenden Landrodung und der aufkommenden Landwirtschaft begann sich jedoch die Situation der Guaraní immer weiter zu verschlechtern. Heute ist die Lage des mittlerweile vom Aussterben bedrohten Volkes katastrophal. Durch die Abholzung des Waldes verlieren die Indianer jegliche Lebensgrundlage, durch den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft werden zunehmend Flüsse und Gewässer vergiftet, das Jagen ist reduziert, sodass das Fangen eines Tieres eine seltsame Ausnahme darstellt. Die Ernährung ist mittlerweile sehr einseitig. Die Regierung hat der indigenen Bevölkerung Land zugesprochen, das unzumutbarer nicht sein kann: Kein Zugang zum Wasser, unfruchtbarer Boden, sodass der Anbau von Mais und Maniok nur eingeschränkt möglich ist. Unter- und Mangelernährung sind die Folge. Viele Infektionskrankheiten machen sich breit, Kinder husten und haben Dauerschnupfen. Die Lebenserwartung liegt bei 40 Jahren Seitens der Regierung existieren Hilfsprogramme, Initiativen und sogar Gesetze, die sich um den Erhalt der indigene Bevölkerung kümmern sollen. Die finanziellen Mittel scheinen vorhanden zu sein; leider wohl nur auf dem Papier, denn bisher erreichen sie nicht ihr Ziel. Gründe dafür gibt es viele: Schlecht oder gar nicht arbeitende Staatsdiener, Korruption und Vetternwirtschaft. Um dennoch den Schein zu waren, werden Nonsensprojekte realisiert. So sehe ich zum Beispiel beim Besuch der Guaraní, dass die Regierung jeder Siedlung eine Solarzelle zur Verfügung gestellt hat. Auf mein Nachfragen hin, wird meine Bewunderung schnell getrübt. „Das Ding bringt uns gar nichts. Erstens hat es nur zwei Wochen funktioniert und zweitens kann man damit nicht mehr als einen Ventilator anschließen“, und tatsächlich: In dem daneben stehenden Holzverschlag hängt tatsächlich an der Decke ein kleiner Ventilator.
Fortsetzung unten

Samstag, 15. November 2008

Hilfe für die Guaraní

Eine kleine Hoffnung gibt es für die Guaranís: Ein Ehepaar aus dem Saarland gründete Mitte der 1990er Jahre die so genannte Guaraní-Hilfe e.V. und leistet seitdem Unvorstellbares. Ihr Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, damit die Guaraní lernen sich in der veränderten Umgebung zurecht zu finden, Alternativen zu finden, überleben zu können. Trotz vieler Hindernisse und Rückschläge sind sie bis heute nicht müde geworden, ihre ganze Kraft und Zeit in die Verbesserung der Lebensbedingungen der Guaraní zu widmen und sich für deren Rechte einzusetzen, denn „schließlich sind wir, die Mitglieder der Konsumgesellschaft, ja für die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage mitverantwortlich“, meint der Vorsitzende. Eigentlich wollte ich nur einen Koffer Kleider abgeben, weil ich durch Telefonate mit dem Ehepaar über die Not und die Problematik erfahren hatte. Durch einen Zufall ergab sich aber dann ein Zusammentreffen mit dem Vereinsgründer, der einen Tag zuvor aus Deutschland angereist war, um einige wichtige Dinge vor Ort voranzutreiben.

So ergab sich für mich die einmalige Möglichkeit mit ihm und Estela, die vor Ort immer erste Ansprechpartnerin ist, in die Siedlungen zu fahren, die sonst für mich niemals zu erreichen gewesen wären. Wir fuhren von der Stadt etwa eine Stunde tief in das Land hinein. Von Wald kann zwar durch die vielen Rodungen nicht mehr gesprochen werden, dennoch bekam ich zum ersten Mal einen Eindruck, wie wohl ein Regenwald aussieht. Das Grün, was ich hier zu sehen bekam, beeindruckte mich sehr. Die Farben schienen intensiver und viel satter, das Grün der Bäume und das Rot der Erde ergaben einen starken Kontrast, andere Farben schienen fast nicht vorhanden zu sein. Auch wenn ich die ganze Fahrt auf der Ladefläche eines Geländewagens sitzend jede kleinste Wurzel, jedes Steinchen und jede Pfütze zu spüren bekam, war die Fahrt für mich ein Erlebnis. Wir besuchten insgesamt drei Guaraní-Siedlungen, meist einfache Hütten aus Naturmaterialien. Man erklärte mir, dass es zurzeit schwierig sei, neue Hütten zu errichten, da die für den Bau nötige Bambusart alle 32 Jahre stirbt, was kürzlich der Fall war. Bis neues Baumaterial heranwächst, dauert es einige Jahre. Den Guaraní, die ich getroffen habe, geht es verhältnismäßig gut, denn hier hat sich dank der Guaraní-Hilfe so einiges getan: In fast allen Siedlungen stehen Waschhäuser und Toiletten zur Verfügung. Die Kinder haben die Möglichkeit zumindest eine Grundschule zu besuchen, was aber mit langen Schulwegen verbunden ist. Dort stehen neben zwei Klassenzimmern auch ein Speisesaal und einige Werkstätten zur Verfügung. In einem Dorf gibt es eine Destillationsanlage zur Herstellung von ätherischen Ölen, die verkauft werden. Eine Schreinerei wurde errichtet, zurzeit läuft die Ausbildung und Unterweisung im Umgang mit den Maschinen. Es gibt eine Nähwerkstatt, in der Altkleider ausgebessert werden, einen Medizinalgarten und ein Erste-Hilfe-Haus. Darüber hinaus wurde in der Stadt ein Internat errichtet, das den Kindern den Besuch der weiterführenden Schule ermöglicht. Wenn die Wetter- und die Straßenlage es erlaubt, fahren sie am Wochenende zurück in ihre Siedlungen.

Der Spagat zwischen dem Kulturerhalt und den nötigen Anpassungen an die neuen Bedingungen ist nicht einfach. So ziehen es einige Kinder im Internat vor, nicht auf Matratzen zu schlafen (das sei nur etwas, wenn es wirklich kalt ist), manchmal gibt es Schwierigkeiten sich an gewisse Regeln zu halten. Es gibt eine Fülle von einzelnen Projekten und Vorhaben, die auf der vereinseigenen Homepage beschrieben werden. Zusammenfassend kann man sagen, dass bisher Unglaubliches geschaffen wurde, um dem Volk der Guaraní eine neue Lebensgrundlage bieten zu können, die darauf ausgerichtet ist, unabhängig und selbständig zu sein. Daher wurde man während dieses Tages auch nicht müde zu betonen, dass den Guaraní nichts geschenkt werde, ihnen werde lediglich die notwendige Infrastruktur zur Verfügung gestellt und Unterricht erteilt, um nachhaltig für sich sorgen zu können. Almosen und Schenkungen gäbe es nicht, Alles, was man zusätzlich braucht (Kleidung, Nahrung etc.) muss abgekauft werden. Auch wenn es Materialspenden gibt, wie zum Beispiel meinen Koffer voller Altkleider, so werden diese nicht einfach unter dem Volk verteilt, sie werden gegen ein entsprechendes Entgelt abgegeben. Geld erhalten sie durch den eigenen Anbau von Tee, die Gewinnung von ätherischen Ölen und in Zukunft auch durch die eigene Schreinerei. Darüber hinaus sind die Guaraní künstlerisch und handwerklich sehr begabt und verkaufen schöne Kunstgegenstände.

Für mich hat diese Reise in eine andere Welt einen bleibenden Eindruck hinterlassen, und meine Hochachtung gilt dem Ehepaar Hartmann, das bisher große Dinge erreicht hat. All die realisierten Projekte entstanden allein durch diese Privatinitiative, was ich beachtlich finde. Leider erreicht das Ehepaar mit ihren Bemühungen nur einen kleinen Teil der indigenen Bevölkerung, fünf bis zehn Prozent schätzungsweise. Wie es dem Rest ergeht, ist gar nicht auszudenken. Von daher kann ich die Guaraní-Hilfe jedem empfehlen, der den ein oder anderen Groschen locker sitzen hat und Gutes tun will. Ich werde es tun. Das Geld ist garantiert in guten Händen und kann Großes bewirken, das durfte ich mit eigenen Augen erleben. Noch viel mehr Informationen gibt es auf der Seite der Guaraní-Hilfe e.v., zum Beispiel den ausführlichen Bericht „Die Guaraní, das vergessene Volk Argentiniens“.

Sonntag, 28. September 2008

Antisemitismus heute

"Aktionstag gegen Antisemitismus und Diskriminierung" von INADI und Museo del Holocausto

Bariloche. Der Saal der Bibliothek Sarmiento in San Carlos de Bariloche, gleich neben dem Centro Cívico, fasst 140 Plätze. An diesem Abend des 23. September drängen rund 200 Menschen auf Einlass, sie füllen die Gänge, setzen sich auf den Boden und drücken sich in jede Nische. Graciela Nabel de Jinich, Direktorin des Museo del Holocausto in Buenos Aires, ist hoch erfreut über den großen Zuspruch, aber nicht nur an diesem Abend, sondern auch und ganz besonders freut sie sich über die Teilnahme der vielen Schülerinnen und Schüler an den beiden Vorführungen im örtlichen Kino, sagt sie den versammelten Gästen. Mit eindringlichen Worten begrüßt sie die Anwesenden, die ebenso wie alle Menschen auf der Welt dazu verpflichtet seien, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Das Grauen jener Zeit dürfe nicht in Vergessenheit geraten, mahnt sie, es dürfe weder geleugnet noch marginalisiert werden.

Anlass ihres Besuchs in Bariloche ist die landesweite Vorführung des Dokumentarfilms "Mujeres de la Shoá" am "Tag gegen Antisemitismus und Diskriminierung", der gemeinsam organisiert wurde vom INADI in Río Negro (Staatliches Institut gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus), der israelischen Gemeinschaft, der Universidad Nacional de Comahue, der Stadtverwaltung Bariloche und der Ökumenischen Forum der deutschen Gemeinschaft. Der Film stellt ein ergreifendes Dokument der Zeitgeschichte dar, das an der Universidad Nacional de la Matanza entstand. Sechs Frauen, die den Holocaust überlebten und heute in Argentinien leben, erzählen darin von ihrem Schicksal zurzeit des Nationalsozialismus in Deutschland, erzählen von ihren Erinnerungen, Erinnerungen an die Diktatur, die Judenverfolgung, die Einsperrung in Ghettos, die Arbeitslager und die Massenvernichtungen, und sie erzählen von ihren ganz persönlichen Gefühlen und Verletzungen, die diese Zeit hinterlassen hat, in der die meisten von ihnen ihre Familie verloren haben, aus der sie befreit wurden, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte. Als die Russen das Lager befreit hätten, sagt eine von ihnen im Film, und sie zum Tor hinauswiesen, sie seien nun frei und könnten gehen, hätte sich niemand getraut, auch nur einen Fuß in Richtung jenes Tores zu setzen, durch das monate- und jahrelang nur Juden herein gekommen waren, aber nie einer lebend heraus. "Der Antisemitismus ist auch heute noch ein aktuelles Thema, leider, in Deutschland und in anderen Teilen der Welt", pflichtet Jan Freigang, Referent für Politik der Deutschen Botschaft Buenos Aires, der Direktorin in seiner Ansprache bei. Er richtet allen Anwesenden die Grüße des neuen deutschen Botschafters in Argentinien, Günter Kniess, aus. In Anbetracht der Vergangenheit bestehe insbesondere für alle Deutschen die besondere Verantwortung, die Erinnerung zu bewahren, den Dialog zu suchen und ihre Stimme zu erheben gegen jede Form der Diskriminierung, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus.

In Bariloche sehen an diesem Tag über 1000 Schüler nahezu aller staatlichen und privaten Schulen die Vorführungen um 9 Uhr und um 14 Uhr, anwesend sind die staatlichen Schulen CEM 37, 77, 97, 99, 104, 138 und wahrscheinlich noch viele mehr, des Weiteren die Privatschulen Antú Ruca, Castex, Don Bosco, San Esteban und die italienische und englische Privatschule Dante Alighieri und Woodville. Eröffnet werden die Filmvorführungen von der Direktorin des Holocaust-Museums Buenos Aires, dem Referenten für Politik der Deutschen Botschaft Buenos Aires, dem israelischen Honorarkonsul für Río Negro, Neuquén Chubut und Santa Cruz, Hernando Grosbaum und dem deutschen Honorarkonsul von Bariloche, Gerardo Borchert. Auf der Tagesordnung stehen außerdem Workshops und Fortbildungen am Institut für Lehrerbildung und der Universität Comahue, an der 200 Lehrer und Studenten teilnehmen, gehalten von der Direktorin des Holocaust-Museums, dem Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften, Pedro Barreiro, und der Koordinatorin der Geschichtsabteilung, Laura Méndez. Für alle Schüler und Lehrer der Sekundarschulen gibt es außerdem Begleitmaterial, um das Thema Holocaust im Unterricht vertiefen zu können. Dass hierzu Bedarf besteht, zeigen nicht nur die vielen Schülerinnen und Schüler, die nach der Filmvorführung im Kinosaal sitzen bleiben, um mit der Direktorin des Holocaust-Museums über das Gesehene und das Geschehene sprechen zu können. Julio Accavallo, Leiter des INADI Río Negro, unterstreicht noch eimal die Aktualität der Thematik: "Das große Publikum an diesem Tag zeigt die Notwendigkeit, dass sich die Gesellschaft der geschehenen Völkermorde immer wieder erinnert und sich ins Bewusstsein ruft, dass sie auch heute noch stattfinden, wie der aktuelle Fall von Morden an Bauern im Nachbarland Bolivien zeigt."

Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass in der Auflistung der Schulen das Instituto Primo Capraro, die Deutsche Schule Bariloche, fehlt. Von der Schulleitung oder dem Schulvorstand war bisher keine offizielle Begründung zu erfahren, warum keine Klassen an den Filmvorführungen teilnahmen. Verschiedenen Institutionen gegenüber hieß es, die Vorbereitungszeit sei zu kurz gewesen, oder man fühle sich nicht ein- sondern vorgeladen und stigmatisiert, als sei man als Deutsche Schule immerzu verpflichtet, an solchen Aktionen teilzunehmen. Dem deutschen Botschaftsreferenten gegenüber äußerten Mitglieder der Schulleitung und des Vorstandes, dass man den Film und die Materialien vorher nicht habe sehen können, sinngemäß wurde argumentiert, dass man seiner pädagogischen Verantwortung entsprechend die Schüler keinem unbesichtigten Material aussetzen wollte. Übrigens: Die Schulleitung war wie alle anderen Schulen vier Wochen vorher eingeladen worden, an den Koordinationstreffen und Filmsichtungen teilzunehmen und mitzuwirken. Außer bei einer Sitzung nahm die Schulleitung an keinem weiteren Treffen teil.

Sonntag, 21. September 2008

Wachturm

Zwar stehen sie nicht wie trostlose, verstaubte Denkmäler an den Bahnhofseingängen der Stadt, dennoch hinterlassen sie auch hier in Argentinien sichtbare Spuren, vor allem in unseren Briefkästen: Die Zeugen Jehovas.

Und auch hier stellen sie sich die selbe Frage wie in Deutschland: Wer war Jesus Christus? Ob sie hier eine Antwort bekommen?

Übrigens: Die offizielle Religion Argentiniens ist der Katholizismus, über 90 Prozent der Bevölkerung sind römisch-katholischen Glaubens, der Rest verteilt sich auf Protestanten, Juden, Muslime und 2500 andere verschiedene Religionen und Kulte. So ist zum Beispiel der Pachamama-Kult in den nördlichen Andenregionen eine weitverbreitete Tradition der indigenen Bevölkerung, der einer Religion gleichkommt. Das Wort Pachamama besteht aus den zwei Wörtern pacha (Erde) und mama (Mutter). Die Mutter Erde gilt bei den Quetchua-Indianern als Göttin und Vermittlerin der Ober- und Unterwelt, zu ihrer Huldigung finden auch noch heute zahlreiche Feste und Riten statt.

So wird zum Beispiel Anfang März (andere Quellen sagen am 1. August) eines jeden Jahres das Pachamama-Fest gefeiert. Auf dem Foto sieht man, wie zu Ehren der Mutter Erde die Tiere, hier ein Vicunja (wie das Lama aus der Familie der Kamele) geschmückt werden.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Paso Flores, letzter Teil

Und wie ist es nun den neuen Siedlern aus Deutschland in Paso Flores ergangen? Die erste Zeit war nicht ganz einfach. Vieles musste von Grund auf erlernt werden (Gemüseanbau, Schaf- und Rinderzucht, Pferdehaltung etc.). Hinzu kam, dass man von der Landwirtschaft allein nicht leben konnte. So war man - je nach Jahreszeit, denn im Winter gab es auf der Estancia weniger zu tun - gewissermaßen gezwungen, auch außerhalb von Paso Flores Arbeiten zu übernehmen. Alles, womit sich Geld verdienen ließ, wurde angenommen, so zum Beispiel Aufforstungs- und Straßenbauarbeiten in Patagonien. Auf dem Weg nach Bariloche findet man an vielen Stellen Wälder, die allesamt von Paso Flores aufgeforstet worden sind.

So vergingen einige Jahre. Im Laufe dieser Zeit grenzten sich jedoch zwei Gruppen mit unterschiedlichen Auffassungen innerhalb der Gemeinschaft voneinander ab, was schließlich Anfang der 70er Jahre zu einer Teilung der Gruppe führte. Ein Teil der Gruppe verließ Paso Flores, um an einem anderen Ort 300 Kilometer weiter südlich ihre Vorstellung vom Leben zu verwirklichen. Der Teil, der in Paso Flores geblieben waren, stand nun vor neuen Herausforderungen. Bei gleichbleibender Arbeit fehlte es an Arbeitskräften. Veränderungen und ein Umdenken waren zwingend notwendig: So begann man nun, auch externe Arbeitskräfte zu beschäftigen. Hatte man anfangs zum Erhalt eines ungestörten Verhältnisses zur Natur bewusst auf Maschinen verzichtet - was eine feste Überzeugung des anderen Teils der Gruppe war - wurden schließlich doch moderne Maschinen wie Traktoren oder Pflüge angeschafft, die das Leben und die Arbeit erheblich erleichtern sollten. So ließ es sich schließlich leben, jeder trug seinen Part dazu bei, dass der gemeinsame Traum gelebt werden konnte. Man unterhielt Kontakte zu den hiesigen Geschäften, um die Ernteerträge (zum Beispiel Sauerkraut) zu verkaufen, die Kinder gingen in eine 20 Kilometer weit entfernte Internatsschule und für medizinische Hilfe reiste man im Notfall in das 200 Kilometer entfernte Bariloche, oft reichte jedoch eine Behandlung der zwei Krankenschwestern innerhalb der Gemeinschaft aus.
So vergingen beinahe 20 Jahre, bis eines Tages neue Schwierigkeiten auf Paso Flores zukamen.
Im März 1984 begannen die Bauarbeiten zum Stausee Embalse Piedra del Aguila. In Zukunft sollte der Rio Limay auf einer ca. 300 km² großen Fläche zum Zwecke der Hochwasserregulierung sowie der Stromerzeugung gestaut werden. Leider befand sich Paso Flores genau an seinem Ufer. 1985 wurde dementsprechend das Land enteignet. Bis es jedoch zur Überflutung kam, hatte man noch einge Jahre Zeit. Dennoch machte man sich schon jetzt große Gedanken: "Noch einmal von vorne, ganz bei null anfangen?". So warfen die Gedanken und Sorgen einen großen Schatten auf Paso Flores, Resignation machte sich breit, man begann sogar das geistige Fundament anzuzweifeln, das über die Jahre so stabil und für alle ein fester Anker war. Das Zusammenleben gestaltete sich zunehmend schwierig, Konflikte standen ungelöst im Raum und verbitterten die Gemeinschaft. Kurz vor dem endgültigen Ruin erhielt man Besuch aus Europa, der das nötige Werkzeug mit im Gepäck hatte: Vergebung und Glauben waren die Stichpunkte, mit denen die Gruppe aus der Krise kam, gestärkt und optimistisch genug, um auch die bevorstehende Hürde meistern zu können. (Bei dem Besuch handelte es sich um die Christliche Gemeinde aus Deutschland, mit denen Paso Flores heute noch intensive Kontakte und Austauschprogramme pflegt).
Nach einer intensiven Suche fand man schließlich ein neues Land, ca. 15 Kilometer Luftlinie vom alten Paso Flores entfernt. In schier endlos erscheinender Kleinstarbeit baute man die Gebäude vom alten Paso Flores ab, um das Baumaterial für das neue Gelände nutzen zu können. So entstanden daraus die "neuen" Werkstätten, Ställe und Weiden, während die Wohnhäuser neu errichtet wurden.
Während der Bauarbeiten am Stausee kam es immer öfter vor, dass die Arbeiter Paso Flores als Übernachtungsmöglichkeit nutzten. Sie fühlten sich auf der Estancia teilweise so wohl, dass sie anfingen ihre Frauen und Kinder mitzubringen, um gewissermaßen Urlaub auf dem Lande zu machen. Reiten war möglich, andere Tiere konnten aus der Nähe betrachtet und gestreichelt werden und die Gegend lud zu endlosen Spaziergängen und Wanderungen ein. Aus diesem Zufall entwickelte sich langsam aber sicher die Idee, Gäste auf Paso Flores zu beherbergen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich für eine Weile in die Natur und Einsamkeit zurückzuziehen.
Mittlerweile ist Paso Flores sehr bekannt und beliebt, es ist zu einem beliebten Ausflugziel für immer wiederkehrende Patagonier oder Touristen aus vielen Ländern geworden.
Weitab von Krach, Kommerz und Konsum genießt man hier das Nichtstun.
Einige Dinge haben sich aber doch verändern müssen. So entbinden schwangere Frauen heute nicht mehr in Paso Flores, sondern reisen einige Zeit vorher nach Bariloche. Die Kinder besuchen weiterhin die nah gelegene Internatsgrundschule, für die Sekundarstufe ist man jedoch gezwungen die Kinder nach Bariloche zu schicken. Ob mit oder ohne Eltern, das entscheidet jede Familie individuell. Dies wird für Klaus, der übrigens mit einer Argentinierin verheiratet ist, in Kürze ein Thema sein, denn seine jüngste Tochter wird in einem Jahr die Grundschule verlassen. Der älteste Sohn ist bereits verheiratet mit einer deutschen Frau, die er durch ein Austauschprogramm kennen gelernt hatte. Beide wohnen und arbeiten hier, allerdings nicht gezwungenermaßen, jedes Kind kann frei entscheiden, welchen Beruf es erlernen und wo es leben will. Klaus' älteste Tocher wohnt zum Beispiel zurzeit in Cordoba, etwa 1.700 Kilometer von ihrer Heimat entfernt.
Auch jedem selbst überlassen ist der Umgang mit Gott und der Bibel. Außer der gemeinsamen Bibelstunde am Samstagmorgen gibt es keine Verpflichtungen, es obliegt jedem selbst ob und wie er zu Gott spricht oder wie lange und intensiv er in der Bibel verweilt. Auf die Frage, wie weit entfernt man in diesen Tagen von der ursprünglichen Idee und dem Anfangstraum sei, anwortete Klaus: "Noch nie waren wir so nah dran wie jetzt." Uns hat es gut gefallen in Paso Flores. Beeindruckt von diesem Ort und seiner Friedlichkeit blättern wir jetzt schon in unserem Terminkalender, wann wir wieder einmal dorthin fahren können.

So endete unsere kleine Geschichte über die Menschen, die für uns hier im wilden, einsamen Patagonien das Sauerkraut herstellen und uns für eine Weile ein Heimatgefühl bescheren ... Weiter Infos auf Spanisch von den uns begleitenden Journalisten Hans und Susanna findet ihr hier und hier im Río Negro.

PS: Hier in Bariloche gibt es einige Gerüchte rund um Paso Flores. Es gibt Menschen, die behaupten Paso Flores sei ein Nazi-Auffangbecken gewesen. Hitler selbst habe hier Unterschlupf gefunden, da er ja nie Selbstmord begangen hatte. In einem weiteren Artikel in der Tageszeitung Río Negro versucht Hans endlich mit diesen blödsinnigen Gerüchten aufzuräumen.

Donnerstag, 26. Juni 2008

Paso Flores Teil 2

Gehen wir weiter der Frage nach, "Wo eigentlich das Sauerkraut herkommt?" (siehe Paso Flores Teil 1). Die Pforzheimer Gruppe gläubiger Menschen befand sich weiter auf der Suche nach einem neuen Ort in einem anderen Land, an dem sie sich ein neues Leben aufbauen konnte, im Einklang mit den Aussagen der Bibel. Lange hatte man vergeblich Anzeigen in Zeitungen verschiedenster Länder aufgegeben, Kontakte zu Staaten gesucht, von denen man wusste, dass sie Imigranten aufnehmen. Die Erinnerungen an den Krieg jedoch waren noch recht frisch und so wollten viele mit deutschen Einwanderern nichts zu tun haben. Bis eines Tages ein englischer Seemann in einer Londonder Kneipe eine ihrer vielen Anzeigen in einer Zeitung las. Er schickte einen anonymen Brief an die Gemeinschaft mit der Information, dass die englische Regierung auf der Suche sei nach Arbeitskräften zum Aufbau der Infrastruktur auf den Falklandinseln sei. Schnell war der Kontakt hergestellt und so reiste einige Zeit später ein Teil der Gruppe, ungefähr 45 an der Zahl, auf die Falklandinseln. Unter ihnen der sechsjährige Klaus mit seinen Eltern und zwei seiner Brüder, während die zwei anderen erst einmal in Deutschland blieben. Sie arbeiteten fortan im Straßenbau, ihnen war jedoch zu jeder Zeit klar, dass die Islas Malvinas (Falklandinseln) nicht das Endziel sein konnten. Der Aufenhalt wurde nicht allen, sondern nur gesunden und arbeitstüchtigen Männern mit ihren Familien gewährt, was natürlich nicht ihrem solidarischen Grundgedanken entsprach, schließlich zählten auch körperlich behinderte und kriegsversehrte Menschen zur Gemeinschaft. Diese und weitere Umstände führten dazu, dass sich gegen Ende des zweiten Arbeitsjahres auf den Falklandinseln etwa zehn Männer auf die Reise Richtung Argentinien begaben, um eine endgültige Bleibe für alle Mitglieder der Gemeinschaft zu finden. Da die diplomatischen Beziehungen zwischen den Falklandinseln, die ja unter englischer Administration standen, und Argentinien, das Anspruch auf die Inseln erhob, sehr schlecht waren, musste man über Umwege nach Argentinien einreisen. Während eines halbjährigen Zwischenstopps in Uruguay wurde auf Feldern und Bauernhöfen gearbeitet, um weiter Geld für das zukünftige Projekt zu sammeln. Die Suche nach einer passenden Bleibe wurde dann in der Hauptstadt Argentiniens fortgeführt. Zwischenzeitlich arbeitete man dort als Reinigungskräfte im deutschen Krankenhaus von Buenos Aires. Man riet ihnen, ihr Glück doch mehr im patagonischen Süden des Landes zu versuchen. Das Klima wäre dem mitteleuropäischen sehr ähnlich, und schon andere Europäer hätten sich bereits dort niedergelassen. Gesagt, getan, so erreichte man gegen Ende der fünziger Jahre die Stadt Bariloche. Die Suche vor Ort und Mund-zu-Mund-Propaganda ließen erste Hoffnungen keimen, man erfuhr, dass Doña McDonald ihre Estancia "Paso Flores", etwa 80 Kilometer nördlich von Bariloche gelegen, zum Verkauf anbot. Ein vielversprechender Lichtblick, denn vor Ort schien alles wie für sie gemacht, und so wurde der Traum vom Leben außerhalb Deutschlands endlich für alle Mitglieder der Gemeinschaft Wirklichkeit. Eine neue Eappe begann. Alles war fremd, das Land, die Leute, die Sprache, doch zumindest waren jetzt alle wieder vereint, insgesamt rund 100 Menschen fanden in Patagonien ein neues Zuhause.

Übrigens: Als wir dort zu Gast waren, jährte sich dieses Ereignis auf den Tag genau zum 50sten Mal.

Fortsetzung folgt ...

Dienstag, 24. Juni 2008

DU BIST DEUTSCHLAND

Wer erinnert sich nicht an die große Imagekampagne aus dem Jahr 2005, die ihren vorläufigen Höhepunkt zur WM im Jahr 2006 erlebte. Deutsche sangen sogar wieder stolz die Nationalhymne.

Letztens haben wir auf Deutsche-Welle-TV eine ZDF-Reportage gesehen, die eigentlich auch zur Kampagne gehören müsste. Denn auch das ist Deutschland: Zoff am Gartenzaun. Nachbarschaftsstreitigkeiten um nichts und wieder nichts, eine furchtbare Reportage über das andere Deutschland. Schade. Eigentlich hatten wir uns schon ein bisschen auf die Rückkehr gefreut.

Montag, 16. Juni 2008

Si todo va bien ...

... sagt man hier in Argentinien, wenn alles gut geht, da es schon mal leicht zu Unregelmäßigkeiten kommt. Oder: Si dios quiere, so Gott will ... kann man zum Beispiel die 2700 Kilometer von Asunción nach Bariloche in knapp drei Tagen schaffen - und zwar per Flugzeug! Unglaublich, aber wahr! Die Paraguayisch-Argentinische Deutschlehrertagung hatte mich in die Hauptstadt Paraguays geführt. Auf dem Hinweg gings per Flieger nach Buenos Aires und dann 23 Stunden per Bus nach Asunción, was eigentlich auch nur 16 Stunden dauern sollte. Aber die erneuten Protestaktionen der Bauernverbände - Straßenblockaden der wichtigsten rutas in den landwirtschaftlich bedeutenden Provinzen - sorgten bereits für 6 Stunden Verspätung.

Während der Woche hatte sich der seit März schwelende Konflikt zwischen Bauern und Regierung erneut zugespitzt, das Argentinische Tageblatt berichtete bereits von Rationalisierungen der Lebensmittel in den Supermärkten. Auslöser sind die im März beschlossenen massiven Erhöhungen der Exportsteuern, beispielsweise auf Soja, eines der wichtigsten Exportgüter. Weiter heißt es in der Ausgabe vom 7.6.2008:
"'Bis die Bauern und die Regierung den Dialog nicht wieder aufnehmen und wir nicht wieder arbeiten können, werden wir die Straßen blockieren.' Dies teilten die Lastwagenfahrer verschiedener Transportunternehmen von Getreide mit. 'Wir werden die Sperren nicht wie die Bauern aufheben, um zu verhandeln. Wir heben sie erst dann auf, wenn das Problem gelöst ist.' Klare Worte. Das ist eine überraschende Wende im seit rund drei Monaten andauernden Konflikt. Ein neuer Sektor protestiert – und verschärft die Krise." (AT Nr. 31.670)
Die Bauern kämpfen gegen die Regierung, die Spediteure protestieren gegen die Bauern, da sie durch deren Streik keine Aufträge mehr bekommen.
"Jeder beschuldigt den Anderen: Die Landwirte machen die Regierung für ihre Unfähigkeit zum Dialog dafür verantwortlich, dass die Transportfahrer nun ebenfalls protestieren. Der Innenminister Florencio Randazzo nannte die Bauern 'autoritär und intolerant'. Und jetzt hat sich zudem die Kirche zu Wort gemeldet. Die Bischöfe versammelten sich am Donnerstag zu einer außerordentlichen Sitzung und teilten darauf in einer Pressekonferenz ihre Angst um den Landesfrieden mit. Die Bischöfe baten dringend darum, dass die Regierung 'Größe zeige' und einen Dialog mit den Bauern führe." (AT Nr. 31.670)
Zu allem Überfluss hatte die Regierung die Situation auch noch mit der kurzzeitigen Verhaftung eines Streikführers verschärft, viele Leute in Buenos Aires machten ihrem Unmut vor dem Regierungspalast casa rosada lauthals Luft. Zum Wochenende hin kam es dann zu ausgedehnten Protesten und Blockaden der wichtigsten Verkehrswege in den Provinzen Entre Rios, Corrientes, Santa Fe, im Chaco und in der Pampa. Die Ereignisse hatten natürlich direkte Auswirkungen auf unsere Rückreise am Samstag, der erste Start unseres Busses endete bereits nach zwei Stunden an der Grenze nach Argentinien, weiterfahren sinnlos. Wir wurden nach Asunción zurück gefahren und kurzfristig in einem Hotel untergebracht, um der Dinge zu harren, die da kommen würden. Meine meist argentinischen Mitfahrer nahmen's mit südamerikanischer Gelassenheit und freuten sich auf eine ruhige Nacht. Si todo va bien ... können wir morgen (sonntags) weiterfahren, die meisten Kollegen würden ohnehin noch rechtzeitig zum Schulbeginn in Buenos Aires eintreffen, da am Montag Feiertag war, nur ich hatte leider ein Rückflugticket von Buenos Aires nach Bariloche im Gepäck, für Sonntagnachmittag!

LAN Argentina strich dann zwar einfach mal fünf Flüge auf zwei zusammen und verschob meinen Flug auf Montagmorgen 7.20 Uhr, aber auch dieses Zeitpolster würde nicht ausreichen. Also griff ich notgedrungen ins Portemonnaie und flog gestern, am Sonntag, mit TAM von Asunción nach Buenos Aires, der Spaß kostete mich 300 USD. Damit war aber erst ein Teil des Problems gelöst, denn die für sonntags waren alle Flüge nach Bariloche cancelado, gestrichen worden, wahrscheinlich wegen des Vulkanstaubs (siehe Chile lässt Dampf ab). Heute morgen - bereits den Boarding Pass in der Hand - bekam ich am Gate (!) die Info, dass erst um 7.20 Uhr entschieden würde, ob sie fliegen könnten oder eben nicht. Aha. Argentinien eben. Aber dios me queria volar und ich flog mit etwas Verspätung tatsächlich heim nach Bariloche. Todo va bien.

Freitag, 6. Juni 2008

Wo kommt eigentlich das Sauerkraut her? - Paso Flores Teil 1

Wenn das Heimweh unser Gemüt beschwert, das Bife de Chorizo kurzfristig an Attraktivität verliert und man sich Currywurst rot-weiß oder Döner herbei sehnt, dann steigen hier - 12.000 Kilometer weitab von heimischen Gefilden - die Bemühungen, Schätze der deutschen Esskultur zu erstehen und werden durchaus von Erfolg gekrönt. Neben Gulasch con Spatzle, Strudel de manzanas (Apfelstrudel) und salchichas tipo aleman (deutsche Bratwürstchen), die man hier in vielen Restaurants bestellen kann, ist das Chucrut (Sauerkraut) hier ein absoluter Renner. Wenn wir in der Stadt an einem der wenigen Geschäfte vorbei gehen, das im Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift Hay chucrut! (es gibt Sauerkraut) hängen hat, kommen auch wir zuweilen in Versuchung, ein Pfund mitzunehmen. Der Großteil des Chucrut, das hier verkauft wird, kommt aus Paso Flores. Durch die deutsche Gemeinschaft hier in Bariloche hatten wir schon viel davon gehört, konnten uns aber eigentlich nie etwas darunter vorstellen. Die erste und einzige Assoziation beim Hören dieses Namens war bei uns stets, dass es sich dabei um die Leute handeln müsse, die für die ganze Region das Sauerkraut machen. Aber, wer oder was war Paso Flores wirklich? … Es sei schön dort und eine Reise wert, so sagte man uns auf Nachfragen. Neugierig und ein wenig alltagsmüde machten wir uns dann Ende April auf den Weg nach Paso Flores. Ein verlängertes Wochenende stand an und mit zwei argentinischen Journalisten im Schlepptau (die ebenso, wenn nicht noch neugieriger waren als wir) sollte es möglich sein, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Nach einer etwa zweistündigen Fahrt an der Talsperre Embalse de Piedra de Aguila, danach links und dann 36 km auf unbefestigten Pisten gerade aus durch die patagonische Steppe ... und irgendwann erhebt sich aus dem Nichts die Estancia Paso Flores. Sowohl in deutscher als auch spanischer Sprache wird man willkommen geheißen. Das Gelände gleicht einem Kloster, einer Jugendherberge, einem Bauernhof und einer Begegnungsstätte zugleich. Ein Spaziergang auf dem Gelände, vorbei an Gemüsegärten, Ställen, Weiden, lässt uns an das friedliche Leben der Familie Ingalls (Unsere kleine Farm) erinnern. Sogar ein eigener Friedhof zeugt von der Autonomie und Abgeschiedenheit dieses Ortes. Nach dem Mittagessen haben wir die Möglichkeit, mit Klaus zu sprechen. Klaus hat Deutschland im Alter von 6 Jahren zusammen mit seiner Familie verlassen, das war Mitte der fünfziger Jahre. Nach dem Krieg hatte sich in Pforzheim eine Gruppe gläubiger Menschen gebildet, die aber durch die vergangenen Jahre den Glauben an die Kirche verloren hatte, der Bibel jedoch als Grundlage ihres Glaubens und Lebens treu bleiben wollten. Da man immer mehr erkannt hatte, dass ein Leben in Deutschland nicht mit diesen Überzeugungen zu vereinbaren sei, verspürte man immer mehr den Wunsch Deutschland zu verlassen. Das war die Idee, die Umsetzung blieb jedoch erstmal ein Traum. Verschiedenste Versuche, in anderen Ländern Arbeit und eine neue Heimat zu finden, schlugen fehl. Die Menschen aus Pforzheim begegneten viel Misstrauen und Unglauben, so traf man sich weiterhin regelmäßig zu gemeinsamen Bibelstunden in der Konditorei von Klaus' Vater. Bis eines Tages ein englischer Seemann in einer Londoner Zeitung ihre Anzeige las ...

Fortsetzung folgt

Donnerstag, 15. Mai 2008

Argentinisches Klimabewusstsein

Letztens im Lehrerzimmer sprach ich mit einer Kollegin über das schöne Wetter im Mai. (Nicht vergessen, hier ist eigentlich Herbst!). Seit Tagen strahlt der Himmel blau (wenn es grad keinen Staub regnet) und die Temperaturen halten sich moderat. Sie meinte, dass es normalerweise den halben April und den ganzen Mai regnen würde. Der Klimawandel wäre aber nun wohl auch hier angekommen ... es fehlten mindestens 15 Regentage. Und wenn es nicht regne, gebe es kein Wasser, und dann gebe es keinen Strom, weil der Staudamm nicht genug Wasser bekommt! Na wenn das ihre einzige Sorge über die Auswirkungen des Klimawandels ist ...

Samstag, 10. Mai 2008

Kick it like Lorenzo

Gestern war wieder Männerabend angesagt. Rund ein Dutzend Männer aus dem Umfeld der Hobbymannschaft der Schule trafen sich in der Schulkantine zum Essen, Quatschen und Karten spielen. Pablo hatte einen grandiosen Puchero gekocht und alle haben wie immer über Fußball geredet. (Ein Puchero ist ein Gemüse- und Fleisch-Eintopf, der in ganz Argentinien beliebt ist. Er enthält meist folgende Zutaten: pecho Rinderbrust, chorizo Mettwürstchen, pechuga Hühnerbrust, batata Süßkartoffeln, zapallo Kürbis, zanahoria Karotten, repollo Weißkohl, acelga Mangold, cebolla Zwiebel und huevo Ei. Rezept.) Irgendwann fragten sie mich, für welchen Verein ich denn wäre, hier in Argentinien. Na ja, ich hätte mich noch nicht richtig entschieden, sagte ich. Aha. Und in Deutschland? Nun, ich erklärte, dass mein Lieblingsverein, die einzig wahre Borussia, gerade wieder den Aufstieg in die erste Liga klar gemacht hätte und dass mein Herz seit meinem Studium im Ruhrpott auch für Schalke 04 schlage. Und dann ging's los, ich wurde des ersten Fußballgesetzes belehrt: Du kannst dein Auto wechseln, deinen Job, deine Zähne, deinen Lieblingsurlaubsort, deine Frau ... aber nie, niemals deinen Fußballclub! Daniel ist für Boca Juniors, Pablo und Claudio für Independiente, Hugo für River usw. Ich fragte nach, wie man denn Fan eines Clubs würde? Die Sache war auch hier ganz einfach, denn der argentinische Vater entscheidet zwei Sachen für seinen Sohn, seinen Namen und den Fußballclub! Deshalb braucht es in Argentinien auch keines Vaterschaftstests, scherzte Hugo, wenn dein Sohn sich irgendwann für einen anderen Club entscheidet, bist du nicht der Vater!

Nachdem ich fünf Minuten später die Spielergebnisse der letzten hundert Jahre analysiert hatte - wie man mir zur Entscheidungsfindung geraten hatte - und mich für den Traditionsverein San Lorenzo (Wikipedia) entschieden hatte, war das Geschrei groß. Ich wurde für unmündig erklärt, wie lang ich denn schon hier sei, ich sei doch total verrückt und zuletzt wollte man mir ins Weinglas pinkeln. ... Adolfo, ebenfalls San Lorenzo, versuchte mich tapfer zu verteidigen und lobte meinen Sachverstand und mein Herz am rechten Fleck, schließlich hatte San Lorenzo gerade erst diese Woche den großen Rivalen River Plate aus dem Copa Libertadores geworfen, der südamerikanischen Champions League ... nun habe ich also einen argentinischen Fußballclub. In sechs Wochen werden wir übrigens Südamerikameister! Vamos San Lorenzo!

Samstag, 12. April 2008

Mate ist eine Lebensauffassung

Letztens beim Mate trinken hab ich mir mal wieder gedacht, was wir Deutschen eigentlich für nette Rituale, Sitten und Bräuche haben? Hier in Argentinien trinkt man mehrmals am Tag zusammen Mate, steht beieinander, quatscht gemütlich oder trinkt den Mate auch einfach nur nebenbei in der Fachkonferenz. Ein schönes Ritual, genau so wie das sonntägliche Asado, bei dem die ganze Familie oder sogar die ganze Sippe zusammen kommt. Und beim Asado oder generell beim Abendessen darf ein gemütlicher Wein natürlich nicht fehlen, auch wenn man sich mal schnell eben eine Pizza teilt. Das Teilen der Pizza hat den Vorteil, dass man gleich mehrere verschiedene Pizzen bestellen kann (am besten noch hintereinander) und keine Riesenscheibe "Funghi" alleine futtern muss wie in Deutschland. (Die "Quattro Stagioni" bietet immerhin noch ein bisschen Abwechslung beim Pizza-Marathon...) Alles Beispiele für das soziale Miteinander in Argentinien, nur böse Zungen behaupten, dass Argentinien längst die Schwelle zum Industrieland gepackt hätte, wenn es nicht überall so gemütlich zuginge...

Ich kam mir jedenfalls beim Gedanken an die deutsche Brotback-Kunst ziemlich einsam vor. Und auf Birgits Einwand, wir hätten doch das typische gesunde Frühstück und den typischen Kaffee und Kuchen in Deutschland, hab ich mich auch schon auf die Rückkehr gefreut und dass wir dann endlich wieder mit Mutter und Vater, Oma und Opa, Tanten und Vettern beim Frühstück sitzen können. Als unser Freund Juan dann aber das deutsche Bier und den Frühschoppen erwähnte, war ich etwas versöhnlicher gestimmt, denn das deutsche Bier am Wochenende möchte ich nun wirklich nicht missen ... auch wenn ich noch nie beim Frühschoppen war. Gut, es macht den Bierbauch salongfähig, belastet unsere Krankenkassen und macht die halbe Nation zu Alkoholikern, aber was hammer den sonst?! Vielleicht wird sich ja in Zukunft ein ganz neues Miteinander einstellen, wenn die ganzen Raucher da draußen in der Kälte zusammen stehen müssen! Zu dumm, dass ich nicht rauche...

Mittwoch, 5. März 2008

Tag des Gases


Heute, am 5. März ist in Argentinien "Día del gas", der Tag des Gases. Endlich hat Marc auch etwas zu feiern!

Weitere Informationen findet ihr hier!

Sonntag, 10. Februar 2008

Horóscopo: Spanisch für Anfänger




Cambian sentimientos y resurge el afecto. Juego con reglas confusas que impiden llegar a un punto de encuentro. Concentre su energía en afirmar la vigencia de su deseo.

Gefühle ändern (sich) und wiedererlangt die Zuneigung. Spiel mit wirren Regeln die verhindern, zu erreichen einen Punkt der Begegnung. Konzentriert seine Energie um zu bekräftigen die Gültigkeit seiner Wünsche.

Aha.

Dienstag, 1. Januar 2008

Nach Argentinien nur noch drei Stunden

Allen unseren Lesern ein glückliches und gesundes neues Jahr!

Hier unsere aktuellen Meldungen: Wenn man uns telefonisch erreichen möchte, dann beträgt der aktuelle Zeitunterschied seit dem 30. Dezember 2007 ab 00.00 Uhr nur noch drei (!) Stunden. Wir konnten es auch kaum glauben, aber die argentinischen Nachrichtensender bestätigten uns dieses Gerücht am nächsten Abend. Vorher hatten wir uns mit Freunden über E-Mail um 21 Uhr in einem Restaurant verabredet. Sie kamen erst um 21.30 Uhr, weil sie nicht wussten, welche Uhrzeit wir meinten: die alte oder die neue... Da wählten sie den Mittelweg.
Die Zeitumstellung so
kurz vor Jahresende stellt nur eine Maßnahme eines Energiesparprogramms der neuen Regierung Kirchner dar, das erst eine Woche zuvor bekannt gegeben wurde. Ein weiterer Schritt zur Energieersparnis ist eine groß angelegte, für ärmere Haushalte kostenlose Glühbirnen-Tausch-Aktion im Land (den Staat kostet es wohlgemerkt 264 Mio. Peso). Zwei Energiesparlampen sollen in Kürze in den Haushalten brennen, eine in der Küche und eine im Wohnraum, die städtischen Beamten wollen in Buenos Aires alle Haushalte abklappern!! Staatliche Büros und öffentliche Ämter sollen zukünftig um 18 Uhr geschlossen werden, die Angstellten sind aufgefordert, ihre PCs und alle Lichter auszuschalten! Bald werden alle Straßenampeln mit Energiesparlampen bestückt sein, so sieht es das Programm vor. Nähere Informationen dazu gibts im Artikel "Ein Sparprogramm für elektrischen Strom" des argentinischen Tagesblatts in der Ausgabe vom 29.12.2007. Ob das ganze Vorhaben aufgeht, bleibt spannend. Wenn alles klappt, rechnet man mit einer Stromersparnis von 13 %, vorausgesetzt jeder weiß, was er zu tun hat. Bei der ersten Maßnahme zum Ende des vergangenen Jahres gab es schon einige Verwirrungen, ausgelöst durch die Unwissenheit (oder Uninformiertheit) der Bevölkerung, sodass das Fernsehen live und aktuell berichtete, sowie die verärgerten Bürger an den Bahngleisen und Bushaltestellen sprechen ließ.

Herzliche Grüße aus Buenos Aires!

P.S.: Die Zeitumstellung zum Zwecke der Stromersparnis dauert bis zum 31.03.2008 - Nicht vergessen!

Montag, 29. Oktober 2007

Argentinien hat gewählt

Gestern, am Sonntag, den 28.10. entschieden 27,1 Millionen wahlpflichtige Argentinier über die Nachfolge ihres Präsidenten Néstor Kirchner.
Trotz der Fülle an 14 Präsidentschaftskandidaten ging es letztendlich nur um eine Entscheidung zwischen zwei Frauen: Zum einen die Ehefrau des amtierenden Präsidenten, Cristina Fernández de Kirchner, die wie ihr Göttergatte dem linken Flügel der peronistischen Partei angehört, zum anderen die mitte-links orientierte Elisa Carrió der sozialdemokratischen Partei ARI, die eine realistische Chance gehabt hätte, wenn Frau Kirchner im ersten Wahldurchgang weniger als 40% der Stimmen bekommen hätte. Dann nämlich wäre es zu einer Stichwahl gekommen, die alle Karten noch einmal neu gemischt hätte.
Aber dem war nicht so: Nachdem nun 96% aller Stimmen ausgewertet wurden, hat Frau Kirchner mit knapp 45% die Nase vorn. Demnach wird sie es vermutlich sein, die am 10. Dezember dieses Jahr das Amt der neuen Präsidentin offiziell antreten wird.

Wir selbst haben von der Wahl nur wenig mitbekommen. Die Parteienwerbung beschränkte sich auf unauffällige Plakate auf ohnehin schon vollbeklebten und daher ebenso unauffälligen Wänden. In der ganzen Zeit vor der Wahl habe ich eine einzige Parteiwerbung im Fernsehen gesehen. Diese reihte sich so dezent zwischen die aktuellen Waschmittel-, Handy- und Turnschuhspots, dass man sie auch für eine Werbung für ein neues Shampoo hätte halten können. Wäre ich vorgestern nicht mit dem Bus gefahren, wäre mir die ganze Wahl wahrscheinlich gänzlich entgangen, denn dort hieß es auf einem Aushang: "Alle, die zur Stimmabgabe mit dem Bus fahren, fahren kostenlos".

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