Grin|go [ˈgriŋgo], der; -s, -s [span.]: früher im span. Lateinamerika abwertend für Nichtromane, bes. Angelsachse (wahrscheinl. zu span. griego = "griechisch", übertr. auch "unverständlich, fremd"; "Esto es griego para mí."); heute Fremder in Südamerika, der eine nichtromanische Sprache spricht, in Argentinien allgemein für Immigranten, besonders aus Nordamerika, aber nicht aus Spanien, normalerweise nicht mehr als abwertend zu verstehen
Sonntag, 6. Juli 2008
Sprachblüten III
"Ich bin dafür, dass man Tiere in der Wildnis jagt, weil man muss unbedingt Fleisch essen." Argentinien eben.
Aus Schüleraufsätzen (5° Año = 12. Klasse):
"In den Entwicklungsländern gibt es weniger Technologie als in den Industrieländern, aber die Leute können diese Technologie nicht kaufen, deshalb um welche die besser Medien ist zu fragen, muss man die Kontext sehen und auswerten." Wenn das kein Lösungsvorschlag ist!
"Ich bin mit unserer Schuluniform einverstanden. Ich finde sie gut, obwohl man auch Dinge kann verändern, um sie besser zu machen. Die Lösung ist Taschentücher! Jeder Schüler sollte Taschentücher haben." Aha.
"Heutzutage gibt es in Deutschland ungefähr 7,2 Millionen Ausländer. Aber, was passiert mit diesen Ausländern?" ... Herr Doktor Schäuble, ich leite diese Frage mal an Sie weiter.
Aus Schüleraufsätzen zum Thema Piercings, Tattoos und Körperschmuck (2° Año = 9. Klasse):
"Ich trage Ohrringe und ringe gern." Die Ohrringe aber bitte nicht beim Ringen tragen!
"An fünfter und letzter Stelle sind keine Piercings, und das hat niemand. Alle Jugendlichen haben mehr als eins oder eins. Aber das ist nicht alles, mehr als 6 Tattoos haben 35 Prozent der Jugendlichen. Unglaublich." Wahr gesprochen.
"Die Eltern finden Tattoos heslig." Und ich äkälich.
Dienstag, 18. Dezember 2007
Zwischenbericht nach einem Jahr
Na ja, die Wertigkeit des Faches Deutsch sinkt sowieso. Viele Eltern melden ihre Kinder nicht wegen des Faches Deutsch, sondern wegen des gegenüber den staatlichen Schulen höheren Niveaus in den übrigen Fächern auf der „Deutschen Schule Bariloche“ an. (In Konkurrenz stehen eine argentinische und die italienische und englische Privatschule.) Die Schüler nehmen das Fach Deutsch oft als nötiges Übel in Kauf, die Motivation und Affinität dem Fach gegenüber ist dementsprechend gering. Der Anteil deutschsprachiger Schüler (bzw. mit deutschsprachigem Hintergrund) sinkt seit Jahren und liegt bei etwa 5 %, also ein bis zwei Schüler pro Klasse; selbst in deutschstämmigen Familien wird leider kaum noch Deutsch gesprochen.
Dazu kommt, dass Bariloche aufgrund seiner Vergangenheit ein ganz eigenwilliges Pflaster ist, hier wird gerne totgeschwiegen, dass Priebke Vorstandsvorsitzender des Schulvereins war... und leider sitzen im Vorstand noch so ein paar alte verbohrte Köpfe, die wirkliche Innovationen verhindern oder keine Notwendigkeit für Image-Kampagnen sehen. Aber mal sehen, was sich da noch machen lässt, mit der bornierten, inkompetenten Schulleiterin hab ich mich ja auch schon angelegt ;-)
Für mich als Anfänger war es also ein ziemlich schwieriges Jahr: einen Deutsch-Lehrplan gibt es nicht, weder vom Staat (claro que no!) noch schulintern (ein wirklicher Kritikpunkt), und so musste ich mir vieles zusammenreimen. Und dann hatte ich gleich mal 3 Prüfungsklassen (ZDP-G, DSD I und II), die Ergenisse sind durchwachsen: 85 % meiner ZDP-Schüler haben bestanden (6. Klasse), aber 37 % der DSD II-Gruppe (12. Klasse), was den anderen Lehrern zufolge aber nicht an mir gelegen habe. Ach und überhaupt das ganze System hier: hab zwar DaF "studiert" und war ja sogar für ein DaF-Praktikum in der Ukraine, aber auf diese Schüler hat mich das alles nicht vorbereitet ...
So, genug gemeckert, Basti, ich hoffe, das waren jetzt "wahre Gedanken" genug ;-) Ich wünsche allen da draußen ein gutes neues Jahr! Ach ja, und frohe Weihnachten, das kriegt man hier bei rund 20 Grad, fehlendem Advent und fehlender bunter Straßenbeleuchtung nicht so richtig mit.
Mittwoch, 12. Dezember 2007
Schuljahresende
In Argentinien endet ein jedes Schuljahr passend zum Ende des Kalenderjahres. Letzte Woche verabschiedeten sich schon die Schüler der Secundaria (8.-12. Klasse) in die fast dreimonatigen Ferien. Diese Woche sind dann auch die Schüler der Primaria (1. bis 7. Klasse) für dieses Schuljahr entlassen worden. Die Lehrer jedoch und auch einige Schüler haben das Pech,
auch noch diese Woche zur Schule zu müssen. Für sie heißt es noch einmal (oder endlich einmal) zeigen, was in den vergangenen Monaten gelernt wurde, damit auch sie das Fach mit einer ausreichenden Note abschließen können. Diejenigen, die auch bei diesen Nachprüfungen (mesa de examen) durchfallen, haben Mitte Februar kurz vor Schulbeginn noch einmal die Chance, ihr Wissen und Können unter Beweis zu stellen. So endet nun das Schuljahr, dass dieses Jahr, bedingt durch das 100jährige Bestehen der Deutschen Schule, ein ganz besonderes war. Wer Interesse hat, kann diesbezüglich auf der Schulhomepage im Zeitungsartikel des Argentinischen Tagesblatts weiterlesen.
Mittwoch, 24. Oktober 2007
Sprachblüten II
- "Man darf gegrillt werden." (Es darf gegrillt werden.)
Aus den Aufsätzen "Mein Traumzimmer" (8. Klasse):
- Links und rechts der Tür stehen die Schranken. (immerhin korrekter Plural von Schranke)
- Auf den Sofa hängt ein Poster von Shakira.
- Mein Zimmer hat vier Plasma (-Fernseher), zwei sind auf der boden, und die andere auf der wand. (überall das Gleiche mit der Jugend)
- Ich habe einen Dalmatinerhund. Er heißt Dunkel weil er schwarz ist. Ich spiele mit Dunkel Ball und renne.
- Lieber Claudia, ich liebe in a Haus in Kilometer drei.
- Ich habe viele Freunde und jedes Mal, wenn es einen guten Film gibt, gehen wir ins Kino. Ich muss gehen. Viele Grüße, Deine M.
- Lieber Matías, ich schreibe du über meine familie weil ich erzählen möchte. ... Dann habe ich eine Baum geklettern. Danach hat meine schwester im meine Baums Haus Wasser getrünken. Dann haben wir die Abendessen gegessen. Endlich haben wir zu schlafen gegangen. So das ist meine familie, lustig und froh. Viele Grüße, Dein E.
- Ich füttere mein Hund oder meine Mutter.
- Der Mäusebussard lebt in Mittelseuropa, er fliegt in Mittelhöhe im Chimmel.
- Meine Familie gerne Rad fahren, weil sie fröhlich und interessant sind. ... Mein Vater spielen Fußball, weil spannend ist. Meine Mutter gerne wandern, weil spannend ist.
- Lehrer: "Hallo E., wie geht es dir?"
- Schüler: "Gutt."
- Lehrer: "Hast du gut geschlafen?"
- Schüler: "Ja."
- Lehrer: "Was möchtest du erzählen?"
- Schüler: "---???"
- Lehrer: "Welches Thema hast du?"
- Schüler: "Über Hund und Meerschweinchen..."
- Lehrer schaut erwartungsvoll.
- Schüler: "Fange ich an?"
- Lehrer: "Ja, du kannst anfangen."
- Schüler: "Hallo, ich heiße E., ich spreche heute über Hund und Meerschweinchen ..."
Montag, 13. August 2007
Matheaufgabe zum Sprachdiplom
Es schneit schon wieder ... und ich hab heut Morgen schon wieder trockene Socken und ein paar Schuhe für die Schule vergessen ... und heut Nacht friert bestimmt wieder alles glatt. Obwohl, es soll ja noch zwei Tage weiter schneien. Ab Donnerstag ist dann Sonne gemeldet, die sich hoffentlich über das Wochenende halten wird, denn da wollen wir zur Belohnung Ski fahren gehen.
Belohnung deshalb, weil die Tagestickets noch so teuer sind (siehe Post vom 10. Juni), aber vor allem, weil ab morgen vier Tage Prüfungsstress anstehen: Deutsches Sprachdiplom II, 12. Klasse (DSD Stufe C1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen), Textproduktion, Hörverständnis, Leseverständnis, Grammatik und Wortschatz und abschließend 20 Minuten mündliche Prüfung zu einem fremden Text und einem selbst vorbereiteten, problemorientierten Thema. Wenn sie denn ein Thema vorbereitet hätten; die Schüler haben mir in den letzten Monaten jeden Nerv geraubt, haben mit scheinbar südländischer Gelassenheit (Achtung: Stereotyp!) jede Frist für Planung, Vorentwurf und fertiges Dossier ohne mit der Wimper zu zucken verstreichen lassen. Grad heute noch hab ich einem Schüler mit Rat und Text ausgeholfen, der völlig fassungslos vor seinem Gekritzel saß und einfach keine Problemstellung finden konnte. Das soll was werden ... Egal, ich freue mich jedenfalls auf unsere Belohnung!
Mittwoch, 6. Juni 2007
"Fuera de control" (Außer Kontrolle)
Als ich heute in die Schule kam, um die Vertretung in der 6. Klasse (Deutsch) zu übernehmen, dachte ich, es wäre vielleicht ein nettes Intermezzo den Kindern zu erklären, was ein „Hexenschuss“ ist, um ihnen mitzuteilen, warum ihre Lehrerin, derzeit an jenem leidend, dem Unterricht fernbleiben muss. Doch dieses Vorhaben hatte ich wohl ein wenig überschätzt: Nachdem ich das Wort in großen Lettern an die Tafel geschrieben hatte, schauten sie mich fragend an. Als wir dann aber die Bedeutung der einzelnen Worte geklärt hatten, in dem ich einerseits das Wort „Hexe“ im Wörterbuch nachschauen ließ und andererseits den „Schuss“ pantomimisch darstellte, gab es eine Reaktion… Leider eine, mit der ich nicht gerechnet hatte... und ich verlor die Kontrolle über das Unterrichtsgeschehen. Es gelang mir auch nach mehreren Anläufen nicht, die aufgebrachten Kinder zu beruhigen, die unweigerlich davon ausgingen, ihre Lehrerin sei erschossen worden. Gott sei Dank unterrichtete nebenan eine nette Kollegin, die im Gegensatz zu mir beide Sprachen ausreichend beherrscht, um die Situation richtig zu stellen. Puhhh…. Noch einmal Glück gehabt!Sonntag, 27. Mai 2007
Sprachbarrieren und Sprachblüten
Auf der anderen Seite gibt es aber auch lustige Dinge, die nicht auf unser Konto gehen, sondern Verdreher von den deutschstämmigen Argentiniern in Deutsch:
- „Meine Schwiegermutter klagt immer über Schmerzen, ich glaube, sie will immer nur beleidigt werden.“
- „Ich muss heute noch zur Bank, meine Kreditkarte renovieren lassen.“
- „Das hat ja heute vielleicht geregnet. Ich war quatschnass.“
- „Ich finde die TV-Serien ein wischen langweilig sind. Es ist unglaublich wie die Leute viele TV-Serien sehen. Man sollte nur ein oder zwei Serien pro Tag sehen, ich denke das es ist gut, aber mehr ist schädlich." (Aufsatzkommentar, Schülerin, 12. Klasse)
- Aus dem Reisebericht einer Schülerin (17): "Meine Familie hat nur Bio Essen gegessen, nur ökologisches Essen, Gemüse und Obst. Das Essen war sehr komisch, aber lecker. Wir haben um 18 Uhr zu Abend gegessen, in Argentinien esse ich um 22 Uhr, am Anfang war das sehr schwer für mich. Und meine Gastschwestern und meine Mutter essen kein Fleisch, ich habe nur zwei mal Fleisch gegessen. Ich habe es vermisst."
- "In Argentinien ist der Unterricht wie ein Kaos, die Schüler schreien und nur manchmal machen sie Hausaufgaben. Und dann haben die Jugendlichen normalerweise schlechte Noten." (Aufsatzkommentar, Schülerin, 12. Klasse)
- Schüler (16): "Ich früher gut deutsch sprechen, wenn ich klein. Weil mein Oma und Opa mit mir deutsch sprechen."
Mittwoch, 11. April 2007
"Lehrer aller Länder, vereinigt Euch!"
Neuquen ist etwa 400 km von Bariloche entfernt, für argentinische Verhältnisse ein Katzensprung. Bereits am Freitag zuvor war unser Reisebus auf dem Weg nach Neuquen (mit dem Ziel Mar del Plata) von einer Straßenblockade mitten im Nirgendwo Patagoniens eine halbe Stunde aufgehalten worden. Lehrer hatten mit Autowracks und Steinen die Straße blockiert, alles unter den wachsamen Augen der Polizei. In der Semana Santa (Heilige Woche), der Osterferienwoche, kam es dann zu den umfangreichsten Protesten mit Demonstrationen, Straßenblockaden und Kundgebungen seit Beginn im März. Und eben dabei wurde der Lehrer Carlos Fuentealba von einem Tränengasprojektil der Polizei aus nächster Nähe in den Kopf getroffen und starb an den Verletzungen, und das, obwohl die Protestanten sich verschiedenen Berichten zufolge bereits auf dem Rückzug und die Blockaden sich in allgemeiner Auflösung befanden! Nahezu alle argentinischen Medien berichteten und berichten weiterhin über den Fall, so zum Beispiel die überregionale Tageszeitung Clarín, die regionale Río Negro oder das deutschsprachige Argentinische Tageblatt (siehe dort im "Archiv"). Auch deutsche Medien bestätigen diese Version, wie unter anderem bei Rheinische Post Online oder Berliner Morgenpost zu lesen ist. Staatspräsident Néstor Kirchner sagte darauf hin in Anspielung auf die brutale Militärdiktatur von 1976 bis 1983, deren Greueltaten im Regierungsbericht "Nunca más" [span./engl.] der Comisión Nacional sobre la Desaparición de Personas (Nationale Kommission über das Verschwinden von Personen) im Jahr 1984 ansatzweise offen gelegt wurden und einer umfangreichen und vor allem gerechten Aufarbeitung harren, die Aktionen der Polizei hätten doch sehr nach Vorsatz ausgesehen. Der muss das natürlich sagen, da der verantwortliche Provinzgouverneur von Río Negro, Jorge Omar Sobisch, sein politischer Gegner bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober dieses Jahres ist. Insofern sind die Proteste mitunter auch politisch motiviert, da die Lehrergewerkschaft angeblich Kirchner nahe steht.
Nichtsdestotrotz ist ein Lehrer gestorben. Die Gewerkschaft rief deshalb für den folgenden Montag (9.4.07) zum Streik auf. Lehrer und Hochschullehrer sollten aus Solidarität mit Carlos Fuentealba keine Schulen und Hochschulen betreten und sich an Demonstrationen beteiligen. Leider zog die Vereinigung der Privatschulen nicht mit, und diese Schulen, die sich aufgrund der hohen Schulgelder wohl in gewisser Weise zur Gegenleistung verpflichtet fühlen, mussten selbst entscheiden, was zu tun sei. 350.000 Menschen gingen landesweit auf die Straßen (siehe Fotos bei RP Online). Unsere Schulleiterin hatte jedoch keinen Mut, dem Aufruf zu folgen und ordnete statt dessen eine Schweigeminute beim morgendlichen Appell an. Streng genommen ist der Sinn eines Streiks von Lehrern auch zweifelhaft, denn Streik bedeutet der Definition nach die planmäßige und gemeinschaftlich durchgeführte Arbeitsniederlegung als wirtschaftliche Kampfmaßnahme zur Erlangung besserer Arbeits- oder Lohnbedingungen (arbeitsrechtlicher Streik) oder zur Durchsetzung politischer Forderungen (politischer Streik). Wirtschaftlich geschädigt werden hier allerdings nur die Lehrer selbst, denen die Streiktage teilweise vom Lohn abgezogen werden, und den größten Schaden erleiden schließlich die Schülerinnen und Schüler, die man nicht mal damit trösten kann, dass sie in echter Demokratie gelehrt werden, denn was lernen sie: demonstrieren ist lebensgefährlich. In jedem Fall aber wäre dieser Streiktag an unserer Schule ein Zeichen der Anteilnahme gewesen, was er ja auch sein sollte.Gebracht haben die Proteste bisher wenig. Der Lehrerberuf ist in Argentinien eben nicht sehr angesehen und obendrein noch schlecht bezahlt, das Mindestgehalt bei voller Stelle beläuft sich auf nicht mal 1200 Pesos (etwa 300 Euro). Wie in der Ukraine, wo das durchschnittliche Lehrergehalt bei rund 500 Griwnja (etwa 70 Euro) liegt, geben die meisten Lehrerinnen Privatstunden zusätzlich, um das Gehalt aufzubessern, trotz dem der Partner - meistens ist das der Mann, denn Schule ist Erziehungssache und Erziehung ist Sache der Frauen - in der Regel voll berufstätig ist. Bei all dem hallt mir sofort das allgemeine Gejammer der deutschen Lehrer in den Ohren wider, deren gesellschaftlicher Status, zu dem einige Lehrer ja durchaus beitragen, gleich hinter dem des Kommunalbeamten zu rangieren scheint. Wenn die argentinischen Lehrerinnen und die wenigen Lehrer annähernd so viel verdienten wie deutsche Lehrer, würden sie diese Vorurteile wohl gerne in Kauf nehmen.
Sonntag, 25. März 2007
Ein Schultag in Bariloche
Der Unterricht ist in Doppelstunden (80 Minuten) ohne Pause organisiert, was der Konzentrationsfähigkeit der Schüler nicht gerade förderlich ist; schon 45-Minuten-Einheiten sind lernpsychologisch nicht sinnvoll. Daher erfordert die Unterrichtsorganisation viele methodische Wechsel. Der für die Aufmerksamkeit förderliche Methodenwechsel nach 20 Minuten lässt sich aber nicht immer mit dem aktuellen Lerngegenstand, der Übungsform und den Lern- und Arbeitsgeschwindigkeiten der Schülerinnen und Schüler vereinbaren ... aber was rede ich, Lernen in der Schule ist und bleibt künstlich erzwungen (und vor allem total uneffektiv). Die Schule wirkt diesem systemimmanenten Problem mit schüleraktiven und handlungsorientierten Unterrichtsmethoden und modernen Konzepten wie "Schule in Bewegung" entgegen. Es werden kleine Pausen eingebaut und in den großen Pausen allerlei Spielgeräte zur Verfügung gestellt. Diese kehren auch tatsächlich nach der Pause wieder vollständig zurück. Sowieso sind alle Türen in der Schule ständig offen, Lehrerzimmer und Büros eingeschlossen, von Vandalismus kaum eine Spur.
Das Beste des Tages ist das Mittagessen in der Mensa der Schule. Letztens gabs ein Stück Rinderfilet vom Feinsten, so was hab ich noch in keiner Kantine der Welt gegessen. Aber eigentlich ist das Beste am Mittagessen nicht das Essen, sondern meine clase castellano con Hector (clase - Unterrichtsstunde). Hector kommt aus Chile und arbeitet seit über zwanzig Jahren als Hausmeister an der Schule. Hector spricht mal übers Wetter mit mir, mal über seine Heimat Chile oder über die Argentinier. Und immer hat er unendlich viel Geduld mit mir, spricht schön langsam, wählt einfache Worte und bestätigt oder korrigiert meine dürftigen Sätze auf castellano. Einfach wunderbar.Freitag, 16. März 2007
Centenario 100 Años - ein Festakt zum Auftakt
Bueno, die Schule pilgert jedenfalls heute Morgen geschlossen in die Stadthalle und alles von Rang und Namen ist geladen: Botschafter, Landesministerin für Bildung, Vorstandsvorsitzender samt Vorstand der Schule, Bürgermeister, Tourismussekretär, Polizeidirektor, Honorarkonsul, Ehemalige und Förderer der Schule, ehemalige Schüler, ehemalige Lehrer, Eltern und die aktuellen Schüler dürfen auch kommen. Die Schuldirektorin darf sogar mitten in der ersten Reihe sitzen, während die rund 700 Kindergartenkinder und Schüler die seitlichen und rückwärtigen oberen Ränge füllen. Auf dem Parkett nehmen derweil die etwa 200 geladenen Gäste Platz, und das nicht etwa eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn, sondern genau rechtzeitig, so dass sich natürlich alle Gäste gleichzeitig zu ihren Plätzen drängeln. Mit zehn Minuten "Verspätung" (nach deutschem Empfinden) geht es schon los. Zum Glück folgt auf jede spannende Rede ein unterhaltsamer und lehrreicher Auftritt, so sehe ich mitten im tiefsten Argentinien wohl zum ersten Mal im Leben einen echten Schuhplattler live. Nach dem Botschafter nämlich, der sich freundlicherweise an Mark Twains Ausspruch hält, eine Rede müsse einen guten Anfang und ein gutes Ende haben und beide sollten möglichst dicht bei einander liegen, tritt tatsächlich die schuleigene Tanzgruppe „Alpenrose“ auf! Damals war ich wahrlich erstaunt, als auf der Internetseite der Deutschen Schule zum ersten Mal was von der „Alpenrose“ las, aber jetzt komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Einfach unglaublich, was die Teenies da in
original bayrischen Kostümen aufs Parkett legen. Die Gruppe hat vor drei Jahren sogar einen Vizeweltmeistertitel aus Deutschland mit nach Hause gebracht. Nach der Rede des Bürgermeister führt eine andere Schülergruppe einen argentinischen Volkstanz auf, wahrscheinlich ein chacarera, wobei ich mir da nicht ganz sicher bin. Getanzt wird dabei in Paaren, aber ohne Handfassung, Tänzer und Tänzerin umkreisen einander und versuchen sich durch bestimmte Bewegungen und Schrittfolgen zu beeindrucken. Am meisten haben sie allerdings mich beeindruckt, insbesondere, als
nach weiteren Reden und Choreinlagen beide Gruppen zusammen zum Abschluss eine selbst kreierte, sozusagen interkulturelle Choreographie zeigen. Nebenbei mache ich eine interessante Beobachtung: Während der ganzen Veranstaltung ist zu beobachten, wie auf den Rängen ein allgemeines Gewusel herrscht, die Kinder rutschen und rüseln herum, hören dann und wann wieder gespannt dem Botschafter zu, dessen starker Akzent ihre Aufmerksamkeit bannt, wuseln wieder lautlos rum und schauen dann wieder bezaubert den Tänzerinnen und Tänzern zu. Auf dem Parkett hingegen ist nur ein leichtes Wanken der Köpfe der andächtig lauschenden Erwachsenen zu sehen, ihr ganzer Bewegungsdrang scheint erstickt, sozusagen aberzogen. Ein faszinierender und nachdenklich stimmender Gegensatz.
El acto ist angenehm kurz und kurzweilig, so dass wir gegen Mittag zur Schule zurückgehen und uns endlich den Häppchen zuwenden. In gemütlichem Beisammensein sehen sich viele Ehemalige der Schule nach langer Zeit hoch erfreut wieder, allerhand wichtige Leute werden allerhand anderen wichtigen Leuten vorgestellt und weitere wichtige Leute sprechen ganz viele – wie ich doch wohl trotz schwer verständlichem castellano ganz leicht vermute – warme Worte zum Jubiläum aus. Nachdem der Botschafter noch irgendwelche Geschenke überreicht und Hände geschüttelt hat, werden wir bekannt gemacht und er fragt mich, wie ich denn nach Bariloche gekommen sei. Ich bin drauf und dran, meine Lieblingsantwort zu geben, ich sei mit dem Flugzeug gekommen, entscheide mich dann aber doch für die „diplomatische“ Variante und erzähle über den Bewerbungsweg. Wer weiß, wofür ich den Herrn Botschafter noch brauche … Der heutige Feiertag endet schließlich mit einem Filmbeitrag in den 19-Uhr-Nachrichten (noticias) im lokalen TV-Sender Canal 6 de Bariloche. À propos Fernsehen, da könnte ich euch auch noch so einiges über das argentinische Fernsehen erzählen, aber das soll für heute reichen. Good night, and good luck.