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Sonntag, 6. Juli 2008

Sprachblüten III

Schülerzitate:

"Ich bin dafür, dass man Tiere in der Wildnis jagt, weil man muss unbedingt Fleisch essen." Argentinien eben.

Aus Schüleraufsätzen (5° Año = 12. Klasse):

"In den Entwicklungsländern gibt es weniger Technologie als in den Industrieländern, aber die Leute können diese Technologie nicht kaufen, deshalb um welche die besser Medien ist zu fragen, muss man die Kontext sehen und auswerten." Wenn das kein Lösungsvorschlag ist!

"Ich bin mit unserer Schuluniform einverstanden. Ich finde sie gut, obwohl man auch Dinge kann verändern, um sie besser zu machen. Die Lösung ist Taschentücher! Jeder Schüler sollte Taschentücher haben." Aha.

"Heutzutage gibt es in Deutschland ungefähr 7,2 Millionen Ausländer. Aber, was passiert mit diesen Ausländern?" ... Herr Doktor Schäuble, ich leite diese Frage mal an Sie weiter.

Aus Schüleraufsätzen zum Thema Piercings, Tattoos und Körperschmuck (2° Año = 9. Klasse):

"Ich trage Ohrringe und ringe gern." Die Ohrringe aber bitte nicht beim Ringen tragen!

"An fünfter und letzter Stelle sind keine Piercings, und das hat niemand. Alle Jugendlichen haben mehr als eins oder eins. Aber das ist nicht alles, mehr als 6 Tattoos haben 35 Prozent der Jugendlichen. Unglaublich." Wahr gesprochen.

"Die Eltern finden Tattoos heslig." Und ich äkälich.

Dienstag, 18. Dezember 2007

Zwischenbericht nach einem Jahr

Hier läuft so manches Guanako wirklich anders als in Deutschland und so musste ich mich natürlich an viele Sachen gewöhnen, aber auch mit vielen Sachen abfinden, an die ich mich eigentlich nicht gewöhnen möchte. Das Verhalten der Schüler im Unterricht etwa, die Lern- und Arbeitseinstellung, was die argentinischen Schüler eben so ausmacht. Solche Disziplinprobleme wie hier kenne ich aus deutschen Gymnasien nicht, da muss ich mir echt noch was einfallen lassen oder noch ein dickeres Fell zulegen. Allerdings handelt es sich ja auch nicht um ein Gymnasium, da es in Argentinien keine verschiedenen Schultypen gibt, sondern nur schlechte staatliche und etwas bessere private Schulen. Eine von den etwas besseren Privatschulen ist die Deutsche Schule in Bariloche - die vor Ort zu den Top Drei gezählt wird -, was aber lange nicht bedeutet, dass hier gute Schüler zu finden sind. Die Schülerschaft kommt für hiesige Verhältnisse aus der Mittel- und Oberschicht, nicht wenige Familien müssen für die Schulgebühren hart arbeiten, viele haben aber für argentinische Verhältnisse einfach nur unverschämt viel Geld. Ihre Kinder sind kurioserweise (oder deswegen?) oft verwöhnt und wenig leistungsorientiert, pflichtvergessen und gedankenlos, frech und distanzlos. Die Arbeits- und Lernatmosphäre wird deshalb trotz relativ geringer Schülerzahlen (max. 20 in den Deutschgruppen) durch Disziplinlosigkeit, Konzentrationsmangel und Nachlässigkeit erheblich gestört. (Nobody said it would be easy...)

Na ja, die Wertigkeit des Faches Deutsch sinkt sowieso. Viele Eltern melden ihre Kinder nicht wegen des Faches Deutsch, sondern wegen des gegenüber den staatlichen Schulen höheren Niveaus in den übrigen Fächern auf der „Deutschen Schule Bariloche“ an. (In Konkurrenz stehen eine argentinische und die italienische und englische Privatschule.) Die Schüler nehmen das Fach Deutsch oft als nötiges Übel in Kauf, die Motivation und Affinität dem Fach gegenüber ist dementsprechend gering. Der Anteil deutschsprachiger Schüler (bzw. mit deutschsprachigem Hintergrund) sinkt seit Jahren und liegt bei etwa 5 %, also ein bis zwei Schüler pro Klasse; selbst in deutschstämmigen Familien wird leider kaum noch Deutsch gesprochen.

Dazu kommt, dass Bariloche aufgrund seiner Vergangenheit ein ganz eigenwilliges Pflaster ist, hier wird gerne totgeschwiegen, dass Priebke Vorstandsvorsitzender des Schulvereins war... und leider sitzen im Vorstand noch so ein paar alte verbohrte Köpfe, die wirkliche Innovationen verhindern oder keine Notwendigkeit für Image-Kampagnen sehen. Aber mal sehen, was sich da noch machen lässt, mit der bornierten, inkompetenten Schulleiterin hab ich mich ja auch schon angelegt ;-)

Für mich als Anfänger war es also ein ziemlich schwieriges Jahr: einen Deutsch-Lehrplan gibt es nicht, weder vom Staat (claro que no!) noch schulintern (ein wirklicher Kritikpunkt), und so musste ich mir vieles zusammenreimen. Und dann hatte ich gleich mal 3 Prüfungsklassen (ZDP-G, DSD I und II), die Ergenisse sind durchwachsen: 85 % meiner ZDP-Schüler haben bestanden (6. Klasse), aber 37 % der DSD II-Gruppe (12. Klasse), was den anderen Lehrern zufolge aber nicht an mir gelegen habe. Ach und überhaupt das ganze System hier: hab zwar DaF "studiert" und war ja sogar für ein DaF-Praktikum in der Ukraine, aber auf diese Schüler hat mich das alles nicht vorbereitet ...

So, genug gemeckert, Basti, ich hoffe, das waren jetzt "wahre Gedanken" genug ;-) Ich wünsche allen da draußen ein gutes neues Jahr! Ach ja, und frohe Weihnachten, das kriegt man hier bei rund 20 Grad, fehlendem Advent und fehlender bunter Straßenbeleuchtung nicht so richtig mit.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Schuljahresende

In Argentinien endet ein jedes Schuljahr passend zum Ende des Kalenderjahres. Letzte Woche verabschiedeten sich schon die Schüler der Secundaria (8.-12. Klasse) in die fast dreimonatigen Ferien. Diese Woche sind dann auch die Schüler der Primaria (1. bis 7. Klasse) für dieses Schuljahr entlassen worden. Die Lehrer jedoch und auch einige Schüler haben das Pech, auch noch diese Woche zur Schule zu müssen. Für sie heißt es noch einmal (oder endlich einmal) zeigen, was in den vergangenen Monaten gelernt wurde, damit auch sie das Fach mit einer ausreichenden Note abschließen können. Diejenigen, die auch bei diesen Nachprüfungen (mesa de examen) durchfallen, haben Mitte Februar kurz vor Schulbeginn noch einmal die Chance, ihr Wissen und Können unter Beweis zu stellen.

So endet nun das Schuljahr, dass dieses Jahr, bedingt durch das 100jährige Bestehen der Deutschen Schule, ein ganz besonderes war. Wer Interesse hat, kann diesbezüglich auf der Schulhomepage im
Zeitungsartikel des Argentinischen Tagesblatts weiterlesen.

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Sprachblüten II

Schülerin interpretiert ein entsprechendes Erlaubt-und-Verbots-Schild beim Üben des Passiv:
  • "Man darf gegrillt werden." (Es darf gegrillt werden.)

Aus den Aufsätzen "Mein Traumzimmer" (8. Klasse):
  • Links und rechts der Tür stehen die Schranken. (immerhin korrekter Plural von Schranke)
  • Auf den Sofa hängt ein Poster von Shakira.
  • Mein Zimmer hat vier Plasma (-Fernseher), zwei sind auf der boden, und die andere auf der wand. (überall das Gleiche mit der Jugend)
Aus den "Briefen" an eine/n "Brieffreund/in" (6. Klasse):
  • Ich habe einen Dalmatinerhund. Er heißt Dunkel weil er schwarz ist. Ich spiele mit Dunkel Ball und renne.
  • Lieber Claudia, ich liebe in a Haus in Kilometer drei.
  • Ich habe viele Freunde und jedes Mal, wenn es einen guten Film gibt, gehen wir ins Kino. Ich muss gehen. Viele Grüße, Deine M.
  • Lieber Matías, ich schreibe du über meine familie weil ich erzählen möchte. ... Dann habe ich eine Baum geklettern. Danach hat meine schwester im meine Baums Haus Wasser getrünken. Dann haben wir die Abendessen gegessen. Endlich haben wir zu schlafen gegangen. So das ist meine familie, lustig und froh. Viele Grüße, Dein E.
Aus den "Mündlichen Prüfungen" zur Zentralen Deutschprüfung Grundstufe (ZDP-G, 6. Klasse, 11-12 Jahre):
  • Ich füttere mein Hund oder meine Mutter.
  • Der Mäusebussard lebt in Mittelseuropa, er fliegt in Mittelhöhe im Chimmel.
  • Meine Familie gerne Rad fahren, weil sie fröhlich und interessant sind. ... Mein Vater spielen Fußball, weil spannend ist. Meine Mutter gerne wandern, weil spannend ist.
Aus einer "Mündlichen Prüfungen" zur Zentralen Deutschprüfung Grundstufe (ZDP-G, 6. Klasse). Zu Beginn der Prüfung sind ein paar auflockernde Fragen vorgeschrieben, um dem Schüler den Einstieg in die Prüfung zu erleichtern:
  • Lehrer: "Hallo E., wie geht es dir?"
  • Schüler: "Gutt."
  • Lehrer: "Hast du gut geschlafen?"
  • Schüler: "Ja."
  • Lehrer: "Was möchtest du erzählen?"
  • Schüler: "---???"
  • Lehrer: "Welches Thema hast du?"
  • Schüler: "Über Hund und Meerschweinchen..."
  • Lehrer schaut erwartungsvoll.
  • Schüler: "Fange ich an?"
  • Lehrer: "Ja, du kannst anfangen."
  • Schüler: "Hallo, ich heiße E., ich spreche heute über Hund und Meerschweinchen ..."
So viel zum Thema auflockernde Fragen ...

Montag, 13. August 2007

Matheaufgabe zum Sprachdiplom

Am Sonntagabend liegen auf den Ski-Pisten des Cerro Catedral [esp.] an der Basisstation in 1200 Meter Höhe 60 Zentimeter Schnee, auf dem Gipfel in 2400 Meter Höhe 260 Zentimeter. In der Nacht zum Montag fallen insgesamt 50 Zentimeter an der Basisstation und 80 Zentimeter auf dem Gipfel. Wieso beträgt die Schneehöhe am nächsten Montagabend an der Basisstation 55 und auf dem Gipfel 240 Zentimeter? (tägliche Schneemeldungen auf Catedral Alta Patagonia)

Es schneit schon wieder ... und ich hab heut Morgen schon wieder trockene Socken und ein paar Schuhe für die Schule vergessen ... und heut Nacht friert bestimmt wieder alles glatt. Obwohl, es soll ja noch zwei Tage weiter schneien. Ab Donnerstag ist dann Sonne gemeldet, die sich hoffentlich über das Wochenende halten wird, denn da wollen wir zur Belohnung Ski fahren gehen.

Belohnung deshalb, weil die Tagestickets noch so teuer sind (siehe Post vom 10. Juni), aber vor allem, weil ab morgen vier Tage Prüfungsstress anstehen: Deutsches Sprachdiplom II, 12. Klasse (DSD Stufe C1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen), Textproduktion, Hörverständnis, Leseverständnis, Grammatik und Wortschatz und abschließend 20 Minuten mündliche Prüfung zu einem fremden Text und einem selbst vorbereiteten, problemorientierten Thema. Wenn sie denn ein Thema vorbereitet hätten; die Schüler haben mir in den letzten Monaten jeden Nerv geraubt, haben mit scheinbar südländischer Gelassenheit (Achtung: Stereotyp!) jede Frist für Planung, Vorentwurf und fertiges Dossier ohne mit der Wimper zu zucken verstreichen lassen. Grad heute noch hab ich einem Schüler mit Rat und Text ausgeholfen, der völlig fassungslos vor seinem Gekritzel saß und einfach keine Problemstellung finden konnte. Das soll was werden ... Egal, ich freue mich jedenfalls auf unsere Belohnung!

Mittwoch, 6. Juni 2007

"Fuera de control" (Außer Kontrolle)

Als ich heute in die Schule kam, um die Vertretung in der 6. Klasse (Deutsch) zu übernehmen, dachte ich, es wäre vielleicht ein nettes Intermezzo den Kindern zu erklären, was ein „Hexenschuss“ ist, um ihnen mitzuteilen, warum ihre Lehrerin, derzeit an jenem leidend, dem Unterricht fernbleiben muss. Doch dieses Vorhaben hatte ich wohl ein wenig überschätzt: Nachdem ich das Wort in großen Lettern an die Tafel geschrieben hatte, schauten sie mich fragend an. Als wir dann aber die Bedeutung der einzelnen Worte geklärt hatten, in dem ich einerseits das Wort „Hexe“ im Wörterbuch nachschauen ließ und andererseits den „Schuss“ pantomimisch darstellte, gab es eine Reaktion… Leider eine, mit der ich nicht gerechnet hatte... und ich verlor die Kontrolle über das Unterrichtsgeschehen. Es gelang mir auch nach mehreren Anläufen nicht, die aufgebrachten Kinder zu beruhigen, die unweigerlich davon ausgingen, ihre Lehrerin sei erschossen worden. Gott sei Dank unterrichtete nebenan eine nette Kollegin, die im Gegensatz zu mir beide Sprachen ausreichend beherrscht, um die Situation richtig zu stellen. Puhhh…. Noch einmal Glück gehabt!

Sonntag, 27. Mai 2007

Sprachbarrieren und Sprachblüten

Ich stehe am Postschalter, um ein Paket nach Deutschland aufzugeben. Der nette Herr von der Post reicht mir ein Formular und erzählt mir etwas, wovon ich nur verstehe „nombre“ (Namen), „esta cosa“ (diese Sache) und „contenido“ (was ich für mich als „zufrieden“ übersetze). Also entnehme ich daraus, dass ich einen Namen angeben soll, an wen die Bestätigung nach erfolgreicher (zufriedener) Sendung geschickt werden soll. Ich deute auf meinen Absender und sage „Yo!“ (in argentinischem Spanisch gesprochen: „Scho“), also „Ich“. Der Herr schaut mich komisch an und fragt zögerlich: „…colate???“. ´Häää?!´ Ich sage wieder: „Yo!“ (Scho), „Ich“ und zeige mit dem Finger auf mich, ´die Bestätigung soll ja an mich gehen´. Er fragt wieder nach einigem Stutzen „…colate???“ und nickt lächelnd! Ich schüttele den Kopf und sage: „No, no! ... Yo !!!“, (scho), woraufhin er wieder nachfragt: „…colate??“ Erst jetzt entscheide ich mich zuzugeben, dass ich vielleicht etwas falsch verstanden haben könnte, sage etwas schüchtern und leise: “Perdon, no entiendo”. Nach einer geduldigen und langsamen Erklärung geht mir ein Licht auf, jetzt verstehe ich es! Wie unangenehm! Es geht natürlich nicht um die Angabe meines Namens für die Bestätigung, sondern um eine Auflistung der Dinge (cosas), die in dem Paket verschickt werden! Der Mann hatte sich auf „Yo“ (ich) natürlich keinen Reim machen können, da ich ja schwerlich in die Kiste passe, und daher angenommen, ich wolle cho-colate (sprich „Schokolate“) sagen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch lustige Dinge, die nicht auf unser Konto gehen, sondern Verdreher von den deutschstämmigen Argentiniern in Deutsch:
  • „Meine Schwiegermutter klagt immer über Schmerzen, ich glaube, sie will immer nur beleidigt werden.“
  • „Ich muss heute noch zur Bank, meine Kreditkarte renovieren lassen.“
  • „Das hat ja heute vielleicht geregnet. Ich war quatschnass.“
Sprachblüten aus dem Deutschunterricht:
  • „Ich finde die TV-Serien ein wischen langweilig sind. Es ist unglaublich wie die Leute viele TV-Serien sehen. Man sollte nur ein oder zwei Serien pro Tag sehen, ich denke das es ist gut, aber mehr ist schädlich." (Aufsatzkommentar, Schülerin, 12. Klasse)
  • Aus dem Reisebericht einer Schülerin (17): "Meine Familie hat nur Bio Essen gegessen, nur ökologisches Essen, Gemüse und Obst. Das Essen war sehr komisch, aber lecker. Wir haben um 18 Uhr zu Abend gegessen, in Argentinien esse ich um 22 Uhr, am Anfang war das sehr schwer für mich. Und meine Gastschwestern und meine Mutter essen kein Fleisch, ich habe nur zwei mal Fleisch gegessen. Ich habe es vermisst."
  • "In Argentinien ist der Unterricht wie ein Kaos, die Schüler schreien und nur manchmal machen sie Hausaufgaben. Und dann haben die Jugendlichen normalerweise schlechte Noten." (Aufsatzkommentar, Schülerin, 12. Klasse)
  • Schüler (16): "Ich früher gut deutsch sprechen, wenn ich klein. Weil mein Oma und Opa mit mir deutsch sprechen."

Mittwoch, 11. April 2007

"Lehrer aller Länder, vereinigt Euch!"

Man ist wirklich geneigt, Marx als Vorlage zu bemühen und es laut heraus zu rufen, Ideologie hin oder her. Da protestieren tausende Lehrer in ganz Argentinien und gehen für mehr Geld auf die Straße und dann wird in Neuquen (Provinz Río Negro) ein Lehrer bei Protesten von der Polizei erschossen.

Neuquen ist etwa 400 km von Bariloche entfernt, für argentinische Verhältnisse ein Katzensprung. Bereits am Freitag zuvor war unser Reisebus auf dem Weg nach Neuquen (mit dem Ziel Mar del Plata) von einer Straßenblockade mitten im Nirgendwo Patagoniens eine halbe Stunde aufgehalten worden. Lehrer hatten mit Autowracks und Steinen die Straße blockiert, alles unter den wachsamen Augen der Polizei. In der Semana Santa (Heilige Woche), der Osterferienwoche, kam es dann zu den umfangreichsten Protesten mit Demonstrationen, Straßenblockaden und Kundgebungen seit Beginn im März. Und eben dabei wurde der Lehrer Carlos Fuentealba von einem Tränengasprojektil der Polizei aus nächster Nähe in den Kopf getroffen und starb an den Verletzungen, und das, obwohl die Protestanten sich verschiedenen Berichten zufolge bereits auf dem Rückzug und die Blockaden sich in allgemeiner Auflösung befanden! Nahezu alle argentinischen Medien berichteten und berichten weiterhin über den Fall, so zum Beispiel die überregionale Tageszeitung Clarín, die regionale Río Negro oder das deutschsprachige Argentinische Tageblatt (siehe dort im "Archiv"). Auch deutsche Medien bestätigen diese Version, wie unter anderem bei Rheinische Post Online oder Berliner Morgenpost zu lesen ist. Staatspräsident Néstor Kirchner sagte darauf hin in Anspielung auf die brutale Militärdiktatur von 1976 bis 1983, deren Greueltaten im Regierungsbericht "Nunca más" [span./engl.] der Comisión Nacional sobre la Desaparición de Personas (Nationale Kommission über das Verschwinden von Personen) im Jahr 1984 ansatzweise offen gelegt wurden und einer umfangreichen und vor allem gerechten Aufarbeitung harren, die Aktionen der Polizei hätten doch sehr nach Vorsatz ausgesehen. Der muss das natürlich sagen, da der verantwortliche Provinzgouverneur von Río Negro, Jorge Omar Sobisch, sein politischer Gegner bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober dieses Jahres ist. Insofern sind die Proteste mitunter auch politisch motiviert, da die Lehrergewerkschaft angeblich Kirchner nahe steht.

Nichtsdestotrotz ist ein Lehrer gestorben. Die Gewerkschaft rief deshalb für den folgenden Montag (9.4.07) zum Streik auf. Lehrer und Hochschullehrer sollten aus Solidarität mit Carlos Fuentealba keine Schulen und Hochschulen betreten und sich an Demonstrationen beteiligen. Leider zog die Vereinigung der Privatschulen nicht mit, und diese Schulen, die sich aufgrund der hohen Schulgelder wohl in gewisser Weise zur Gegenleistung verpflichtet fühlen, mussten selbst entscheiden, was zu tun sei. 350.000 Menschen gingen landesweit auf die Straßen (siehe Fotos bei RP Online). Unsere Schulleiterin hatte jedoch keinen Mut, dem Aufruf zu folgen und ordnete statt dessen eine Schweigeminute beim morgendlichen Appell an. Streng genommen ist der Sinn eines Streiks von Lehrern auch zweifelhaft, denn Streik bedeutet der Definition nach die planmäßige und gemeinschaftlich durchgeführte Arbeitsniederlegung als wirtschaftliche Kampfmaßnahme zur Erlangung besserer Arbeits- oder Lohnbedingungen (arbeitsrechtlicher Streik) oder zur Durchsetzung politischer Forderungen (politischer Streik). Wirtschaftlich geschädigt werden hier allerdings nur die Lehrer selbst, denen die Streiktage teilweise vom Lohn abgezogen werden, und den größten Schaden erleiden schließlich die Schülerinnen und Schüler, die man nicht mal damit trösten kann, dass sie in echter Demokratie gelehrt werden, denn was lernen sie: demonstrieren ist lebensgefährlich. In jedem Fall aber wäre dieser Streiktag an unserer Schule ein Zeichen der Anteilnahme gewesen, was er ja auch sein sollte.

Gebracht haben die Proteste bisher wenig. Der Lehrerberuf ist in Argentinien eben nicht sehr angesehen und obendrein noch schlecht bezahlt, das Mindestgehalt bei voller Stelle beläuft sich auf nicht mal 1200 Pesos (etwa 300 Euro). Wie in der Ukraine, wo das durchschnittliche Lehrergehalt bei rund 500 Griwnja (etwa 70 Euro) liegt, geben die meisten Lehrerinnen Privatstunden zusätzlich, um das Gehalt aufzubessern, trotz dem der Partner - meistens ist das der Mann, denn Schule ist Erziehungssache und Erziehung ist Sache der Frauen - in der Regel voll berufstätig ist. Bei all dem hallt mir sofort das allgemeine Gejammer der deutschen Lehrer in den Ohren wider, deren gesellschaftlicher Status, zu dem einige Lehrer ja durchaus beitragen, gleich hinter dem des Kommunalbeamten zu rangieren scheint. Wenn die argentinischen Lehrerinnen und die wenigen Lehrer annähernd so viel verdienten wie deutsche Lehrer, würden sie diese Vorurteile wohl gerne in Kauf nehmen.

Sonntag, 25. März 2007

Ein Schultag in Bariloche

Bariloche. Ein Schultag an der Deutschen Schule in Bariloche fängt eigentlich schon recht seltsam an. In Deutschland würde es wahrscheinlich ein großes Geschrei geben, wenn sich die Schüler, noch dazu in Schuluniformen, um Punkt acht Uhr in Reih und Glied im Pausenhof versammeln würden und zum Hissen der Nationalflagge zwar nicht die Hymne aber ein bekanntes Volkslied, dass blechern vom Band schallt, singen würden. Wenn man sich allerdings an die Diskussionen zur WM letztes Jahr erinnert, darf man ja auch als Deutscher wieder so etwas wie Nationalstolz zeigen (aber nur, solange die Welt zu Gast bei Freunden war ...). Hier vermittelt dieses Ritual Gemeinschaftsgefühl und Identifikation mit dem Instituto Primo Capraro, mit dem Land, mit dem Volk. (Die Schule ist übrigens nach einem italienischen Einwanderer benannt, der dem damaligen "Deutschen Kirchen- und Schulverein" Anfang des Jahrhunderts das Stück Land für die Schule schenkte.) Die Schuluniformen sehen auch nicht sehr nach Militär, sondern eher leger aus. Weiße Hemden, Blusen oder bequeme T-Shirts sind Pflicht, dazu gibt es blaue Pullover oder Fleecejacken mit Logo, die Hosen können frei gewählt werden, die meisten entscheiden sich aber für dezentes blau, grau oder schwarz. Eine insgesamt gute Möglichkeit, wie ich finde, um dem Markenmobbing Herr zu werden und den Gegnern von Uniformen dennoch den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Schüler diskutieren die Uniform durchaus kontrovers, stellen letztendlich aber die Vorteile in den Vordergrund. Für die Sportstunden (educación física) gibt es außerdem blaue Jogginghosen, die Mariana (17) zum Beispiel gerne auch mal an anderen Tagen trägt, weil sie so bequem ist. Das sei aber eigentlich nicht erlaubt und werde von den preceptoras eigentlich überprüft, sagt sie. Die preceptoras (wörtlich etwa "Erzieherinnen") Ana Rosa, Claudio und Fabrizio sind so etwas wie Mädchen für alles, sie kümmern sich um je zwei Jahrgangsstufen der Secundaria, haben immer ein Ohr für die Sorgen der Kids und regeln jede Menge organisatorischen Kram wie Geld für Ausflüge einsammeln, Anwesenheitslisten führen, Zeugnislisten und vieles mehr, was es bei uns so nicht gibt. Sie geben den Schülern zum Beispiel jeden Freitag ein Heft (libreta - Notizbuch) mit nach Hause, in dem die Eltern über die Vorkommnisse der Woche informiert werden: Verspätungen, Tests, gute Hausaufgaben, schlechte Noten, Termine, Verwarnungen usw. Am Montag bringen die Schüler das Heft dann wieder mit und geben es bei den preceptoras ab.

Der Unterricht ist in Doppelstunden (80 Minuten) ohne Pause organisiert, was der Konzentrationsfähigkeit der Schüler nicht gerade förderlich ist; schon 45-Minuten-Einheiten sind lernpsychologisch nicht sinnvoll. Daher erfordert die Unterrichtsorganisation viele methodische Wechsel. Der für die Aufmerksamkeit förderliche Methodenwechsel nach 20 Minuten lässt sich aber nicht immer mit dem aktuellen Lerngegenstand, der Übungsform und den Lern- und Arbeitsgeschwindigkeiten der Schülerinnen und Schüler vereinbaren ... aber was rede ich, Lernen in der Schule ist und bleibt künstlich erzwungen (und vor allem total uneffektiv). Die Schule wirkt diesem systemimmanenten Problem mit schüleraktiven und handlungsorientierten Unterrichtsmethoden und modernen Konzepten wie "Schule in Bewegung" entgegen. Es werden kleine Pausen eingebaut und in den großen Pausen allerlei Spielgeräte zur Verfügung gestellt. Diese kehren auch tatsächlich nach der Pause wieder vollständig zurück. Sowieso sind alle Türen in der Schule ständig offen, Lehrerzimmer und Büros eingeschlossen, von Vandalismus kaum eine Spur.

Das Beste des Tages ist das Mittagessen in der Mensa der Schule. Letztens gabs ein Stück Rinderfilet vom Feinsten, so was hab ich noch in keiner Kantine der Welt gegessen. Aber eigentlich ist das Beste am Mittagessen nicht das Essen, sondern meine clase castellano con Hector (clase - Unterrichtsstunde). Hector kommt aus Chile und arbeitet seit über zwanzig Jahren als Hausmeister an der Schule. Hector spricht mal übers Wetter mit mir, mal über seine Heimat Chile oder über die Argentinier. Und immer hat er unendlich viel Geduld mit mir, spricht schön langsam, wählt einfache Worte und bestätigt oder korrigiert meine dürftigen Sätze auf castellano. Einfach wunderbar.

Die Großen haben dann um zehn vor Drei Schule aus, die Kleinen um halb Vier, dafür haben sie eine richtige Mittagspause von fast einer Stunde, und die Mensa wie gesagt ist wirklich gut ... Nach meinem Unterricht, der in der Regel nach der 8. oder 9. Stunde endet, warte ich noch einen Moment, ehe ich mich auf den Heimweg mache. Genauso wie morgens herrscht dann nämlich ein heilloses Chaos vor der Schule, minutenlanges Gehupe und Gerufe - und das, obwohl unser Pförtner José Maria den Haltestreifen extra dafür mit Pylonen frei hält -, weil scheinbar alle Schüler von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt werden. Eltern tragen die Rücksäcke ihrer Kleinen, Schülerinnen verabschieden sich, ein beso hier, ein beso da - in Argentinien immer nur ein Küsschen auf die rechte Wange! José Maria wird von Eltern immer wieder herzlich begrüßt und sofort wieder verabschiedet, weil sich ja morgen alle schon wieder sehen. Nos vemos, wir seh'n uns. Allerdings erst nach Ostern! Die Schule hat für die Osterwoche zwei Tage frei gegeben, da montags Feiertag ist (Gedenken an den (verlorenen) Malvinenkrieg gegen die Engländer 1982) und Gründonnerstag und Karfreitag immer frei ist, dafür gibts hier keinen Ostermontag. Als aus dem Gerücht in der Schule vor zwei Wochen Wirklichkeit wurde, haben Birgit und ich gleich eine Woche Meer gebucht. Nos vemos en Valeria del Mar.

Freitag, 16. März 2007

Centenario 100 Años - ein Festakt zum Auftakt

Bariloche. Heute ist Feiertag, an der Schule jedenfalls. Die Feierlichkeiten zum Jubiläumsjahr der Deutschen Schule Bariloche werden mit einem offiziellen Festakt in der Stadthalle eröffnet. Anschließend Empfang mit Sekt und Häppchen in der Mensa der Schule. Ich muss nicht lange überlegen, was ich anziehen soll, hatte ja nur Jeans, Hemden und zum Glück ein Cord-Sakko und die Hochzeitskrawatte in den Koffer gepackt. Die Anzüge, die ich in den nächsten Jahren hier wahrscheinlich nie mehr brauchen werde, kommen erst in gut zwei Wochen mit den Umzugskartons. Meine einzigen Schuhe passen eigentlich auch nicht recht dazu. À propos Schuhe, da muss ich doch eben was über diese lästigen Ohrwürmer erzählen, weil mir doch heut Morgen schon wieder einer aus dem Schuh fällt. Also nicht einer dieser Ohrwürmer von ABBA oder so, die man den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf bekommt, sondern einer von diesen forficula auricularia, besser bekannt als Ohrenkneifer! Davon gibt’s hier eine richtige Plage: abends spülst du drei den Abfluss in der Küche runter und setzt vier aus dem Flur vor die Tür, und morgens fallen wieder fünf aus dem Küchenlappen und verschwinden hinter der Verkleidung, dem Herd und dem Kühlschrank. Der Küchenlappen heißt hier übrigens trappen! Auf castellano ist es el trapo, woraus die Argentino-Deutschen in ihrem „Belgrano-Slang“ trappen gemacht haben. Jedenfalls sind überall diese Viecher, in der Küche, unter der Haustür, in der Dusche krabbeln sie auch nach fünf Minuten noch irgendwo her, im Brot verkrümeln sie sich, in den Klamotten, wenn man die Wäsche von der Leine nicht ordentlich ausgeschüttelt hat, und besonders gerne, Gott weiß warum, verkriechen sie sich unter der Fernsehzeitung! Birgit hatte letztens einen in der Socke, mit ihrem Fuß drin wohlgemerkt, und mir fiel vorgestern schon mal einer aus dem Schuh. Bei meinem neuen morgendlichen Ritual, die Schuhe vorher auszuklopfen, musste ich sofort an das „Dschungelkind“ Sabine Kuegler denken, die ihre ganze Kindheit im Dschungel Indonesiens verbrachte und noch Monate nach ihrer Ankunft in der Schweiz allmorgendlich ihre Stiefel ausschüttelte, um sie auf Skorpione zu überprüfen …

Bueno, die Schule pilgert jedenfalls heute Morgen geschlossen in die Stadthalle und alles von Rang und Namen ist geladen: Botschafter, Landesministerin für Bildung, Vorstandsvorsitzender samt Vorstand der Schule, Bürgermeister, Tourismussekretär, Polizeidirektor, Honorarkonsul, Ehemalige und Förderer der Schule, ehemalige Schüler, ehemalige Lehrer, Eltern und die aktuellen Schüler dürfen auch kommen. Die Schuldirektorin darf sogar mitten in der ersten Reihe sitzen, während die rund 700 Kindergartenkinder und Schüler die seitlichen und rückwärtigen oberen Ränge füllen. Auf dem Parkett nehmen derweil die etwa 200 geladenen Gäste Platz, und das nicht etwa eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn, sondern genau rechtzeitig, so dass sich natürlich alle Gäste gleichzeitig zu ihren Plätzen drängeln. Mit zehn Minuten "Verspätung" (nach deutschem Empfinden) geht es schon los. Zum Glück folgt auf jede spannende Rede ein unterhaltsamer und lehrreicher Auftritt, so sehe ich mitten im tiefsten Argentinien wohl zum ersten Mal im Leben einen echten Schuhplattler live. Nach dem Botschafter nämlich, der sich freundlicherweise an Mark Twains Ausspruch hält, eine Rede müsse einen guten Anfang und ein gutes Ende haben und beide sollten möglichst dicht bei einander liegen, tritt tatsächlich die schuleigene Tanzgruppe „Alpenrose“ auf! Damals war ich wahrlich erstaunt, als auf der Internetseite der Deutschen Schule zum ersten Mal was von der „Alpenrose“ las, aber jetzt komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Einfach unglaublich, was die Teenies da in original bayrischen Kostümen aufs Parkett legen. Die Gruppe hat vor drei Jahren sogar einen Vizeweltmeistertitel aus Deutschland mit nach Hause gebracht. Nach der Rede des Bürgermeister führt eine andere Schülergruppe einen argentinischen Volkstanz auf, wahrscheinlich ein chacarera, wobei ich mir da nicht ganz sicher bin. Getanzt wird dabei in Paaren, aber ohne Handfassung, Tänzer und Tänzerin umkreisen einander und versuchen sich durch bestimmte Bewegungen und Schrittfolgen zu beeindrucken. Am meisten haben sie allerdings mich beeindruckt, insbesondere, als nach weiteren Reden und Choreinlagen beide Gruppen zusammen zum Abschluss eine selbst kreierte, sozusagen interkulturelle Choreographie zeigen. Nebenbei mache ich eine interessante Beobachtung: Während der ganzen Veranstaltung ist zu beobachten, wie auf den Rängen ein allgemeines Gewusel herrscht, die Kinder rutschen und rüseln herum, hören dann und wann wieder gespannt dem Botschafter zu, dessen starker Akzent ihre Aufmerksamkeit bannt, wuseln wieder lautlos rum und schauen dann wieder bezaubert den Tänzerinnen und Tänzern zu. Auf dem Parkett hingegen ist nur ein leichtes Wanken der Köpfe der andächtig lauschenden Erwachsenen zu sehen, ihr ganzer Bewegungsdrang scheint erstickt, sozusagen aberzogen. Ein faszinierender und nachdenklich stimmender Gegensatz.

El acto ist angenehm kurz und kurzweilig, so dass wir gegen Mittag zur Schule zurückgehen und uns endlich den Häppchen zuwenden. In gemütlichem Beisammensein sehen sich viele Ehemalige der Schule nach langer Zeit hoch erfreut wieder, allerhand wichtige Leute werden allerhand anderen wichtigen Leuten vorgestellt und weitere wichtige Leute sprechen ganz viele – wie ich doch wohl trotz schwer verständlichem castellano ganz leicht vermute – warme Worte zum Jubiläum aus. Nachdem der Botschafter noch irgendwelche Geschenke überreicht und Hände geschüttelt hat, werden wir bekannt gemacht und er fragt mich, wie ich denn nach Bariloche gekommen sei. Ich bin drauf und dran, meine Lieblingsantwort zu geben, ich sei mit dem Flugzeug gekommen, entscheide mich dann aber doch für die „diplomatische“ Variante und erzähle über den Bewerbungsweg. Wer weiß, wofür ich den Herrn Botschafter noch brauche … Der heutige Feiertag endet schließlich mit einem Filmbeitrag in den 19-Uhr-Nachrichten (noticias) im lokalen TV-Sender Canal 6 de Bariloche. À propos Fernsehen, da könnte ich euch auch noch so einiges über das argentinische Fernsehen erzählen, aber das soll für heute reichen. Good night, and good luck.