Kilometer 996 gehts an der Kreuzung 90° links ab und dann wieder 600 Kilometer geradeaus, und geradeaus heißt hier mitunter wirklich geradeaus. Endlose Kilometer durch die Landschaft, die alle Stunde mal das Gesicht wechselt: Wiesen mit Sträuchern in der Pampa, Wiesen mit Rindern, Wiesen ohne Rinder, dann endloses Land mit ein paar Bäumen, vielen Sträuchern, zwischendurch mal ein Hügel, dann wieder ewiges Land, als wäre die Welt nicht schon groß genug. Und dann geht es ja so weiter, wenn man in irgendeine Richtung wieder weiter fährt, endlose 500 Kilometer bis San Juan. Bueno, San Juan ist ganz nett, aber nicht weiter der Rede wert. Wir sind gespannt auf Mendoza, der Stadt des Weines, tatsächlich nicht mehr als 170 Kilometer von San Juan entfernt!Grin|go [ˈgriŋgo], der; -s, -s [span.]: früher im span. Lateinamerika abwertend für Nichtromane, bes. Angelsachse (wahrscheinl. zu span. griego = "griechisch", übertr. auch "unverständlich, fremd"; "Esto es griego para mí."); heute Fremder in Südamerika, der eine nichtromanische Sprache spricht, in Argentinien allgemein für Immigranten, besonders aus Nordamerika, aber nicht aus Spanien, normalerweise nicht mehr als abwertend zu verstehen
Donnerstag, 26. Juli 2007
San Juan
Kilometer 996 gehts an der Kreuzung 90° links ab und dann wieder 600 Kilometer geradeaus, und geradeaus heißt hier mitunter wirklich geradeaus. Endlose Kilometer durch die Landschaft, die alle Stunde mal das Gesicht wechselt: Wiesen mit Sträuchern in der Pampa, Wiesen mit Rindern, Wiesen ohne Rinder, dann endloses Land mit ein paar Bäumen, vielen Sträuchern, zwischendurch mal ein Hügel, dann wieder ewiges Land, als wäre die Welt nicht schon groß genug. Und dann geht es ja so weiter, wenn man in irgendeine Richtung wieder weiter fährt, endlose 500 Kilometer bis San Juan. Bueno, San Juan ist ganz nett, aber nicht weiter der Rede wert. Wir sind gespannt auf Mendoza, der Stadt des Weines, tatsächlich nicht mehr als 170 Kilometer von San Juan entfernt!Dienstag, 24. Juli 2007
Auf der Durchreise
süßes Gebäck und vorzügliche hausgemachte Marmelade, sozusagen ein sehr ausführliches argentinisches Frühstück... Über ein Hochplateau der pampinen Sierren auf knapp 2000 Meter kommt man dann zum Eingang eines Nationalparks (Parque Nacional Quebrada del Condorito [esp.]), in dem bei warmen Aufwinden normalerweise zahllose junge Condore bei ihren Flugversuchen zu sehen sind. Leider nur fehlten die warmen Aufwinde und so haben wir uns fast umsonst bei null Grad die neun Kilometer zu den Aussichtspunkten durch eiskalten Wind gekämpft. Zwischendurch schlug das Wetter vollends um und ein paar Schneeflocken vereisten unsere Augenbrauen auf dem Rückweg. Okay, okay, so schlimm wie damals bei der Antarktisdurchquerung war es nicht... und immerhin haben wir einen kleinen Condorito gesehen, weit oben und weit weg.
Parkeingang mussten wir auf den Start der nächsten Karavane warten, denn den Park kann man nur mit Guide durchfahren. Und so zuckelten fast zwanzig Autos dem Guide hinterher zu den verschiedenen sehenswerten Punkten auf der 40 Kilometer langen Rundstrecke. Und wie
es der Zufall so will - die Welt ist ja bekanntlich klein -, hören wir plötzlich jemanden rufen: "Marc, was machst du denn hier?" Da quatscht uns mein Kollege an (der auch noch Seeger heißt, kein Witz!), den ich im November in Köln bei der Vorbereitung auf die "Mission: Argentinien" kennen gelernt hatte, und der jetzt im Instituto Lenguas Vivas in Buenos Aires in der Lehrerausbildung tätig ist. Alle paar Kilometer haben wir unsere Plauderei dann auf den Zwischenstopps fortgesetzt. Sachen gibts...Freitag, 20. Juli 2007
Córdoba
Nun ja, wir sind ja nicht nur zum Sightseeing hierher gekommen. Wir haben die Woche genutzt, um unser Spanisch aufzubessern und haben die ganze Woche durch die Schulbank gedrückt. Und das in den Ferien! Ganz schön bekloppt, wird sicher jemand sagen, aber ich sage nur, das war bitter nötig, denn bisher kommen wir kaum voran mit der Sprache. Das liegt natürlich daran, das wir schon ein bisschen aus dem günstigen Alter zum Sprachen lernen heraus sind, aber vor allem liegt es daran, dass wir in Bariloche einfach zu viel Deutsch sprechen, mit den Kollegen in der Schule und mit den vielen deutsch-stämmigen Argentiniern außerhalb der Schule... Birgit und ich hatten schon mal probiert, miteinander nur noch castellano zu sprechen,
Ein anderer Umstand stellt uns weit mehr zufrieden: Die Temperaturen hier in Córdoba sind wie erhofft für den Winter sehr angenehm, pendeln im Moment zwischen 12 und 18 Grad Celsius. Letzte Woche, vor unserer Ankunft, soll es aber auch hier mal kurz geschneit haben, zum ersten Mal nach 70 Jahren! Wie übrigens auch in Buenos Aires nach 90 Jahren zum ersten Mal wieder, aber das war ja schon in den Nachrichten in Deutschland. Am Montagmorgen musste ich mir dann auch mal schnell einen Pulli kaufen, da es doch noch recht kühl war, was allerdings auch an dem reichlichen Schatten lag, den die Hochhäuser spenden. Ein günstiger Pulli für umgerechnet 13 Euro war aber schnell gefunden. Überhaupt wundert mich immer wieder, was es hier alles zu kaufen gibt, nicht nur hier in Córdoba, sondern auch in Buenos Aires (claro!), aber auch in Bariloche und den (paar) anderen Städten, in denen wir bisher waren. Man sieht es besonders an den zahllosen Handy-, Klamotten- und Schuhgeschäften, die mir am meisten auffallen. (Deren Zahl könnte wirklich noch höher sein als die der Geländewagen in Bariloche.) Es gibt eigentlich nichts, was es in Argentinien nicht zu kaufen gäbe, die Frage ist nur, wer kauft das alles? Denn nicht alles ist so günstig wie ein Pulli, und selbst der Preis von 54 Peso ist kein Sonderangebot. Die lezte Wirtschaftskrise, während der unter anderem Privatkonten eingefroren und nach der Entkoppelung des Peso vom Dollar nur noch ein Drittel der Gelder wieder aufgetaut wurden, liegt erst sechs Jahre zurück. Der Peso war plötzlich nur noch ein Drittel wert, doch die Hypotheken blieben bestehen. Mancher verlor dadurch den Gegenwert eines ganzen Hauses. Außerdem leben 34 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze - "angeblich", muss man angesichts des Marktangebots fast sagen, auch wenn ich das natürlich nicht wirklich bezweifle, ich brauche nur an die vielen Holzhütten in den Außenbezirken Bariloches, den Gürtel rund um Córdoba oder die Papphütten unter den Stadtautobahnen von Buenos Aires zu denken und schon passt es mit den 34 Prozent wieder. Aber auch die anderen 66 Prozent leben natürlich nicht in Reichtum, das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt mit 900 Peso (300 Euro) nur knapp über der Armutsgrenze, das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei 1600 Peso (400 Euro), eine gute 3-Zimmer-Wohnung ohne großen Luxus kostet in Buenos Aires zwischen 1000 und 3000 US-Dollar monatlich. US-Dollar! Wer soll das alles also kaufen? Die argentinische Wirtschaft gibt mir noch so einige Rätsel auf, aber davon vielleicht später mehr, jetzt sind erstmal wieder Ferien angesagt. Am Sonntag geht es weiter, wohin wissen wir aber noch nicht so genau, das Land ist einfach so groß und vielfältig, dass wir uns kaum festlegen wollen, nur die grobe Richtung steht fest: West-Nordwest.
Freitag, 13. Juli 2007
Fiesta de las Colectividades
Auf der Fiesta gab es außerdem kulinarische Köstlichkeiten wie italienische Pizza, spanische Paella, russischen Borschtsch, ungarisches Gulasch, deutsches Sauerkraut mit Kassler (tatsächlich vom Schwein, das man hier eigentlich nirgendwo findet) und Hot Dogs am dänischen, schweizer und deutschen Stand (typisch europäisch?!), natürlich Wein, deutsches Bier und russischen, sehr leckeren Wodka (da wurden Erinnerungen an Charkiv wach), serviert von einer russischstämmigen Ukrainerin, die ursprünglich aus Jalta auf der Krim kommt (siehe auch Konferenz von Jalta) und seit sieben Jahren mit einem Argentinier aus Bariloche verheiratet ist. Ebenso bunt wie diese Paarung waren die vielen Kuchen und Torten aus aller Herren und Frauen Länder: Streusel, Apfelstrudel (der heißt hier wirklich estrudel de manzana), Kirschkuchen und natürlich Schokoladentorte, die in Bariloche nicht fehlen darf. (Eins der vielen Schokoladengeschäft hier heißt tatsächlich „Mamuschka“. Um dem Vorwurf der Schleichwerbung vorzubeugen, aber vor allem, damit ihr euer Bild der Barilochenser Schokoladenindustrie vervollständigen könnt, seien noch Del Turista und Rapa Nui genannt.) Komischerweise gabs aber keinen argentinischen Stand, weder von den eurpäischstämmigen Argentiniern noch von der indigenen Bevölkerung.
Es war ein wunderbar rauschendes Fest ohne Gastgeber, die Stadthalle war brechend voll, die Ränge ebenso und die Leute feierten durch bis morgens früh … Na jedenfalls lang genug, so dass später oft erzählt wurde, es wäre sehr viel getrunken worden. Mal ganz unter uns, es war nicht ein Gast des Festes auch nur annähernd so betrunken wie ein durchschnittlicher Besucher einer deutschen Dorfkirmes, eines Schützenfestes oder auf Karneval. Die argentinischen Schüler, die kürzlich drei Monate in Deutschland waren, erzählten unisono von ihren Erfahrungen mit Alkohol und den betrunkenen Karnevalisten auf Kölner Straßen beziehungsweise von deren Begegnungen mit der Polizei. Da braucht man sich nicht mehr wundern, woher das Klischee vom „trinkfesten Deutschen“ kommt ...
Was für ein schönes, buntes, multikulturelles Fest! Wie gut, dass die conquistadores damals ganze Arbeit geleistet hatten, als sie das Land eroberten, die meisten indigenen Völker abschlachteten und die Übrigen unterwarfen. Die 40 Prozent der Argentinier, die auch in Bariloche unter der Armutsgrenze leben und größtenteils von den Menschen abstammen, die das Land ursprünglich mal bevölkerten, waren auf dem Fest nicht zu sehen. Es kostete 20 Peso Eintritt. 5 Euro.
Donnerstag, 12. Juli 2007
Smalltalk
Bei der Bestellung einiger empanadas fragte mich der junge Mann hinter der Feinkosttheke die inzwischen vertraute Frage: „De donde son?“ (Woher kommt ihr?). Dann erzählte er mir, dass sein bester Freund in Aachen wohne, worauf ich direkt entgegnen konnte, dass ich dort während meines Studiums gewohnt hatte. Ich wurde informiert, dass sein Freund dort ein argentinisches Steak-Restaurant („La Pampa“) besäße. Gedankenverloren schaute ich in die Luft, um vor meinem geistigen Auge ganz Aachen nach einem argentinischen Restaurant abzusuchen… In diesem Augenblick schaltete sich die Dame hinter mir ein und entgegnete, das „La Pampa“ wäre doch in Mönchengladbach, worauf ich mein geistiges Auge vertröstete und wieder in die Realität blickte, um erneut erstaunt zu bemerken, dass ich in Mönchengladbach aufgewachsen sei. Die Dame war die Mutter, Tante, Oma des Besitzers des "La Pampa" in Mönchengladbach und verriet uns sogleich ihren Namen, ihre Adresse und fragte uns nach der unsrigen Identität. So war in einigen Augenblicken ein neuer Kontakt gelegt, einerseits zu Tomás, ab jetzt der Feinkosthändler unseres Vertrauens und andererseits zu der Mutter, Oma oder Tante des Fast-Mönchengladbachers Tomás K. (ein anderer Tomás). Solche und viele andere Wortwechsel kann man hier erleben. So wurden wir am Strand von Vaeria del Mar (siehe Post vom 8. April) unter zahlreichen Touristen von dem 94jährigen irischstämmigen Kenny und
seiner nicht weniger jüngeren Frau Laura angesprochen: „Ustedes son turistas, verdad?“ mit dem Ende vom (mindestens 30 Minuten langen) Lied, dass wir nun ihre Adresse in unserem Wörterbuch stehen haben. (Hinterher half mir Laura übrigens noch beim Kauf eines Sonnenschirms). Oder die Dame im Bus, die uns begrüßte wie alte Bekannte (hier gleich in der Übersetzung): „Wir kennen uns doch aus dem Restaurant. Ich saß mit meiner Tochter gegenüber von Euch…“ Oder im Baumarkt die Dame an der Kasse: „Du bist keine Argentinierin, oder?“