Montag, 7. Mai 2007

Tage wie dieser!

Hier in Bariloche scheint es nur zwei verschiedene Arten von Tagen zu geben: Ein Tag an dem alles klappt, oder ein Tag an dem alles schief läuft. In bunter Willkür wechseln sich diese immer wieder ab. Ich skizziere euch einmal ein Beispiel für einen Tag, an dem alles schief läuft: Ich nehme mir vor, hinunter in die Stadt zu gehen, um folgende Dinge zu erledigen: Dokumente faxen, Briefumschläge kaufen, Dokumente kopieren und zur Post bringen und Einkaufen einiger Lebensmittel.

Zunächst einmal laufe ich los und vergesse die Faxnummer, so dass ich einen Block wieder bergauf zum Haus laufen, dass Tor und die Haustür wieder aufschließen und die Alarmanlage deaktivieren muss, um dann dasselbe in umgekehrter Reihenfolge wiederholen zu müssen, nachdem ich endlich die Faxnummer gefunden habe. Meine erste Station ist das nächste Locutorio, in dem ich das Fax versenden will. Nach vier Versuchen sagt das nette Mädchen etwas, das mir zu verstehen gibt, dass es nicht klappt, denn sie schüttelt den Kopf und gibt mir die Seiten zurück, warum auch immer… Ich bedanke mich mit einem „Gracias“ und gehe, nachdem ich für diesen Versuch vier Pesos bezahlt habe. Ich entscheide mich, kurz an der Bushaltestelle zu warten, vielleicht habe ich ja Glück und es kommt einer, der mich nach unten fährt. Schnell wird klar, dass ich kein Glück habe, denn eine Frau erzählt mir, dass heute die Busse streiken aus Trauer wegen des bei der Demonstration umgekommenen Lehrers. Nun gut… geh´ ich eben zu Fuß. Auf halbem Wege komme ich wieder an einem Locutorio vorbei und versuche es erneut mit meinem Fax. Aber auch hier habe ich kein Glück, diesmal zeigt mir der nette Mann auf der Faxbestätigung „no connection“. Ein Teilerfolg: Ich muss für die missglückten Versuche nix zahlen… Sehr nett! In der Stadt angekommen sehe ich einen Schreibwarenladen, der auf dem Schaufenster in großen Lettern „Fotocopias“ stehen hat. So gehe ich zuversichtlich hinein, hole meine Unterlagen heraus und sage: „Fotocopias, por favor!“. Die Frau schaut mich völlig entgeistert an und sagt entschieden „No“, den Rest ve
rstehe ich nicht. Aber ihrer Gestik und Mimik zufolge muss ich wohl ganz falsch gelegen haben, so als ob ich beim Bäcker eine Kontaktanzeige hätte aufgeben wollen. Vor der Tür schaue ich noch einmal ganz dramatisch und übertrieben auf das Schild im Schaufenster. Ganz demonstrativ will ich aus meinem Rucksack mein Wörterbuch herausholen (ich bin mir sicher, dass „Fotocopias“ Fotokopien heißen, nun ja…, vielleicht heißt es ja nur, dass sie im Geschäft Fotokopien liegen haben, nicht, dass sie welche herstellen können), und so stelle ich fest, dass ich meine Bibel, mein Garant fürs Überleben in der Fremde, zu Hause gelassen habe. Na super! Ich versuche trotzdem, im nächsten Schreibwarenladen Briefumschläge zu erwerben, denn in dem anderen wollte ich nicht länger als nötig bleiben.

Kühn und abenteuerlustig orientiere ich mich sorgfältig, finde aber keine Briefumschläge… Ich überlege, ob ich jemanden fragen soll… Aber wie? Ohne Wörterbuch? Vielleicht auf Englisch? Vielleicht heißen Briefumschläge ja ähnlich wie im Englischen, also „envelopes“ oder so. Ich versuche es, aber man versteht mich nicht! Englisch kann hier auch keiner! Grrrrr…!! Atmen nicht vergessen! Ich gehe weiter und treffe auf das dritte Locutorio und versuche hier mein Glück mit dem Faxen… Aber auch hier kein Glück, und dies doppelt, denn der Typ will für seine drei Versuche gleich 6 Pesos! Wieder auf der Straße atme ich ein paar Mal tief durch und entscheide, vielleicht einmal die Faxnummer zu überprüfen, vielleicht ist die ja falsch. Ich gehe also in das nächste Locutorio, in das von eben will ich natürlich nicht mehr rein, wahrscheinlich würde ich für eine Minute Internet 100 Dollar bezahlen. Gott sei Dank ist die Stadt gesäumt mit diesen Allround-Mediotheken, sodass ich auch kurze Zeit später vor einem PC sitze, der mir alle nötigen Einblicke in das World Wide Web gewährt. Nur, die Faxnummer ist richtig, also frage ich hier um die Versendung eines Faxes. Hier entschuldigt man sich jedoch ausgiebig, da das Faxgerät zur Zeit „no funcionar“(t). Beim nächsten Locutorio funktioniert zwar das Faxgerät, aber die Verbindung kann nicht hergestellt werden. Faxbericht: Negativ. Ich beschließe, in dem Büro in Deutschland, dass das Fax dringend benötigt, anzurufen und nachzufragen… Nächstes Problem: Ich habe kein Kleingeld! Ich beschließe mir Kleingeld zu besorgen, in dem ich mir am Kiosk an der Ecke Kaugummis kaufe, um mit dem Kleingeld zu telefonieren. Der Kiosk-Mann ist nett und fragt nach meiner Herkunft und was ich hier mache. Ich erzähle ihm von der deutschen Schule und dass Marc dort Lehrer ist. Und schon haben wir ein Gesprächsthema, denn sein Sohn geht dort in die fünfte Klasse… Nach einigen Momenten netten Smalltalks stehe ich wieder auf der Straße und stelle fest, dass der Typ mir nur Scheine zurückgegeben hat, hatte ich doch glatt vergessen, warum ich eigentlich Kaugummis kaufen wollte. Die Argentinier haben auch für 2 Peso Scheine (= 50 Cent), deshalb bekommt man oft Wechselgeld in Form von Scheinen zurück. Nun ja…, ich beschließe, mir im nächsten „todo“ (Supermarkt) etwas zu trinken zu besorgen, denn ich habe ganz schön Durst und nebenbei erhoffe ich mir ein paar Münzen Wechselgeld! Das habe ich auch kurze Zeit später in Händen, aber die erste Telefonzelle ist besetzt, die nächste hat keinen Hörer mehr und die dritte nimmt meine Münzen nicht an. Zwischendurch komme ich an der Bibliothek vorbei. Wohl wissend, dass die einen Kopierer haben, betrete ich das Gebäude. Aber auch hier entnehme ich dem Monolog der Dame zwei entscheidende Worte: „….no ….funciona“.

Zurück zur Telefonmisere: Da ich nun sowieso schon in der Nähe bin, beschließe ich, in einem mir bekannten Kiosk eine internationale Telefonkarte zu kaufen, denn da bin ich nicht auf Kleingeld angewiesen. Auf dem Weg komme ich an der Post vorbei und denke, hier muss ich sowieso meine Briefe abgeben, die haben bestimmt auch Briefumschläge! Hier reicht die Schlange aber bis an die Treppe an der Straße, so dass ich beschließe später noch mal hinzugehen… Weiter vom Pech verfolgt hat das erste Kiosk keine Telefonkarten mehr, das zweite Kiosk hat schon Siesta und so laufe ich vom Schicksal gejagt durch die Stadt auf der Suche nach entweder einem funktionierendem und nicht besetzten Münztelefon oder nach einem Kiosk, das Telefonkarten verkauft… Ohne Erfolg. Einmal sehe ich von weitem eine freie Telefonzelle, aber knapp eineinhalb Meter vor mir verschwindet ganz frech eine kleine alte krumme Hexe in das Häuschen… Verzweiflung und Frust wollen Wasser aus meinen Augen drücken, aber ich kann die Tränen noch zurückhalten! Ich beginne ziellos und ohne Verstand durch die Straßen zu laufen. Am Ende der Einkaufstraße sehe ich ein Schaufenster, in dem meine Telefonkarten ausgestellt sind. Endlich, das Schicksal lässt mich doch nicht in Stich! Gekauft und schon in einer Telefonzelle verschwunden. Dieses Telefon akzeptiert jedoch die Nummer der Hotline, bei der ich meinen auf der Karte freigerubbelten Zugangscode eingeben will, nicht. Das Telefon tutet einfach nicht! „Okay, Birgit, solche Rückschläge kennst du ja bereits, nicht aufgeben, weiter geht´s!“, denke ich mir. Hundert Meter weiter gibt es wieder ein Telefon! Nachdem ich die Hotline angerufen und meinen auf der Karte freigerubbelten Code eintippe, hör
e ich am anderen Ende der Leitung ein Band: Ich verstehe nur „es incorrecto“?! Ein erneuter Versuch: „el numero de su tarjeta es incorrecto“! Hääääää?! Jetzt ist es soweit: Eine Träne findet den Weg nach draußen! Ich bin echt verzweifelt, stolpere aus der Zelle und wandere weiter, hoffnungslos, ziellos, resigniert und am Boden zerstört. Dennoch, meine Wahrnehmung lässt mich nicht im Stich und so entdecke ich wieder eine Telefonzelle auf der anderen Straßenseite (dort, wo eben die Hexe schneller war als ich). Hier habe ich Glück, die Nummer wird akzeptiert, ein Freizeichen, ich habe es geschafft, juchee!! Doch warum geht keiner ´ran? Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es ein Uhr ist, was so viel heißt, dass es in Deutschland fünf Uhr ist und das Büro bereits geschlossen hat! Okay… ich sollte auf dem schnellsten Weg wieder nach Hause, das ist nicht mein Tag!

Doch halt stopp: Ich könnte noch schnell an der Post vorbei, die Briefe aufgeben. Wieder Mut und Hoffnung schöpfend tragen mich meine Füße weiter! Doch vor der Post stehend, stelle ich fest, dass auch sie von 13 bis 16 Uhr Siesta hat! Ich beschließe nach Hause zu gehen und bitterlich zu weinen, doch auf dem Weg komme ich auf die Idee, Hackfleisch für Spaghetti Bolognese zu kaufen. Da der Supermarkt keine Selbstbedienungstheke hat und ich nicht weiß, was Hackfleisch heißt, verlasse ich den Supermarkt kurze Zeit später und vergesse dabei, dass ich eigentlich noch Margarine und Brot kaufen wollte… Ich komme an einer Bushaltestelle vorbei und habe Glück, denn der Bus hält gerade. Ich kaufe mir ein Ticket – das kann ich ja schon: „un boleto, por favor“ – und falle völlig fertig auf einen freien Sitz. Es dauert nicht lange, da bemerke ich, dass ich in den falschen Bus eingestiegen bin und drücke auf den Haltknopf. Mein Weg nach Hause ist jetzt etwas länger! Aber wenigstens scheint die Sonne…!

Solche Tage gab es in der Vergangenheit öfter! Es lässt sich jedoch erkennen, dass diese, wenn auch recht langsam, immer seltener werden. Zuletzt ist es mir sogar gelungen, in einem Reformhaus Salbeitee und Hefe zu kaufen, in einer Apotheke bin ich ausführlich beraten worden über verschiedenste Cremes für Neurodermitiker und mittlerweile kaufe ich mindestens einmal in der Woche ein Kilo Hackfleisch, und das sogar beim Metzger meines Vertrauens! Dass ich hier und da noch ein paar Misserfolge durchlebe, haut mich jetzt nicht mehr um und es gelingt mir zunehmend, das alles etwas amüsanter zu sehen. So habe ich doch kürzlich im Elektrofachgeschäft nach aufladbaren Batterien gefragt. Ich habe sie auch bekommen, aber erst nachdem ich meine Wortwahl korrigiert hatte, denn statt „pilas cargable“ hatte ich zuerst nach „piletas cargable“, aufladbare Schwimmbäder, gefragt!

Sonntag, 6. Mai 2007

B. schreibt

Nun ist es soweit: Drei Monate, viele Bewerbungsschreiben und einige Nerven hat es gekostet, dass Gringux von seinem Ego geklettert ist und mir den Zugang zu diesem Blog gewährt hat, so dass ich nun hier mitmachen darf. Also: Ich bin die Ehefrau! In Zukunft werde ich nun auch das ein oder andere veröffentlichen!

Hasta luego!
Gringa

Montag, 30. April 2007

El sueño de una camioneta - Teil I

Der Traum von einer camioneta!
Drei Monate ohne Auto ist in Bariloche gar kein Problem. Die Stadt ist zu Fuß gut zu durchlaufen, hat dazu ein funktionierendes System von öffentlichen Bussen (collectivos) - wenn auch ohne Fahrplan -, und zwei mal die Woche fahren sogar noch Züge, die hier allerdings sehr unbeliebt sind, Richtung Osten bis nach Viedma am Atlantik. Weite Entfernungen werden in Argentinien mit dem super komfortablen micro (Überlandbus) zurück gelegt, in den Klassen coche cama und super cama kann man den Sitz nahezu waagerecht einstellen und ziemlich gut schlafen, wenn man berücksichtigt, dass man in einem Bus unterwegs ist (siehe z. B. Via Bariloche unter "Servicio"). Dazu wird man je nach Fahrtzeiten mit Frühstück, Mittagsmahlzeit und Abendessen versorgt, und das zu (für unsere Verhältnisse!) guten Preisen, unsere 17-stündige Fahrt nach Pinamar und zurück hat zum Beispiel 85 Euro p. P. gekostet.

Wenn man allerdings mal in die nähere Umgebung von Bariloche raus möchte, kommt man ohne Auto nicht weit. Bariloche wächst seit Jahren in alle geographisch möglichen Himmelsrichtungen, die Einwohnerzahl steigt stetig und der Verkehr nimmt immer mehr zu. Ein Auto zu kaufen sollte also eigentlich kein Problem sein, von den sprachlich bedingten Nachteilen bei den Verhandlungen mal abgesehen. Das Straßenbild ist von Fahrzeugen aller Art und aller Jahrgänge geprägt: Vom '69er Ford Falcon über den '81er Dodge RAM 150 Truck, die nicht mehr datierbare Ente (siehe Fotoalbum), den aufpolierten '70er Chevy Camaro (Foto oben) bis zum neuesten VW Fox gibt es alle Modelle. Am meisten sieht man aber camionetas fahren (el camion - der Lastwagen, la camioneta - das Lastwägelchen, also ein Pickup, Truck oder Geländewagen), Bariloche scheint die Stadt mit der höchsten Geländewagendichte zu sein. Statistisch gesehen muss jeder Barilochenser mindestens eine camioneta besitzen, denn jedes zweite Auto ist eine camioneta, und da es noch jede Menge andere Autos gibt, kommen auf jeden Einwohner wohl mindestens zwei Autos... Die Autos gibt es in allen technischen Beschaffenheiten! Eine Art TÜV soll es wohl geben, der kontrolliert aber nicht, folglich kommen die Autos von neu bis schrottreif daher. Für einen Autofreak wie mich, der ab der ersten Ausgabe 1986 sein Taschengeld für die "Auto-Bild" ausgegeben hat (damals kurze Zeit für 50 Pfennig Erstausgabepreis!), ist das natürlich ein Schlaraffenland, für meine Lungen und die der Natur sicher nicht. Es fahren wirklich die letzten Karren hier rum und verpesten die Umwelt, auf den Hauptverkehrsstraßen stinkt es zum Himmel. In den Nebenstraßen merkt man davon zum Glück nicht mehr viel.

Ein weiteres Übel daran ist, dass wegen der fehlenden TÜV-Kontrolle jedes noch so alte Auto wieder verkauft werden kann, solange es noch fährt, denn irgendwer findet sich immer, der ein altes Auto braucht. Noch dazu werden die alten Autos in der Versicherung und der Steuer immer günstiger, getreu dem Motto, wer sich ein neues Auto leisten kann, der kann sich auch Versicherung und Steuer leisten. Dadurch steigen die Gebrauchtwagenpreise ins Unermeßliche, ein uralter Fiat 600 etwa kostet noch 3000 Peso (rund 750 Euro, Foto oben, zum Vergrößern anklicken), ein 1993er VW Senda (etwa ein VW Jetta) 11.000 Peso (knapp 3000 Euro) oder ein 1982er Isuzu K8 4x4 Pickup 16.000 Peso (4000 Euro, Foto unten, die Flasche auf dem Dach zeigt den Verkauf des Wagens an! zum Vergrößern anklicken). Außerdem varriieren die Preise für das gleiche Modell je nach Zustand und Baujahr um einige Tausend Peso, so kann ein guter Chevrolet Corsa (alle Opel fahren hier als Chevrolet) von 1996 um 6000 Peso teurer sein als ein schlechter von 2003! Für manche coche (Auto) müsste man bei uns drauf zahlen, damit sie ein Schrotthändler nimmt ... Da mussten wir natürlich erst mal kräftig schlucken, denn das ganze hat unsere Vorstellungen von einem günstigen Gebrauchtwagen natürlich herrlich durcheinander gewirbelt. Meinen Traum, gerade hier auf den Schotterpisten, wo lediglich die Hauptverkehrsstraßen und ein paar Straßen im Zentrum asphaltiert sind, einen Pickup oder Geländewagen fahren und mit Birgits Gewissen vereinbaren zu können, habe ich ganz schnell ausgeträumt, denn eine camioneta ist im Vergleich zu anderen Gebrauchtwagen sozusagen dreifach überzeichnet. Ein 2003er Toyota Hilux 4x4 würde zwar "nur" 72.000 Peso (18.000 Euro) kosten, die wir nicht haben, ein 1990er Isuzu Pickup doble cabina aber immer noch 47.000 Peso (knapp 12.000 Euro), die wir auch nicht haben. Wenn alles klappt, werden wir in ein paar Tagen in den Besitz eines 1994er Nissan Maxima kommen, der zwar doppelt so viel kostet wie bei uns (19.000 Peso, rund 4.500 Euro), den wir aber in zwei, drei Jahren mit ein bisschen Glück für kaum weniger wieder verkaufen können, wenn die Preise weiter so steigen. Fortsetzung folgt.

Mittwoch, 25. April 2007

Kaum zu glauben ...

... aber heute sind doch glatt unsere Umzugskartons angekommen. Vor genau drei Monaten am 25. Januar sind die Kartons bei mir in Kevelaer abgeholt worden (hier ist das Beweisfoto) und haben dann den Weg über Köln nach Bremen genommen. Dort haben sie wohl das nächste Schiff knapp verpasst und sind erst am 6. März (!) abgefahren, was uns schon mal eine Verzögerung von rund vier Wochen gebracht hat. Und dann hat die argentinische Spedition ganze viereinhalb Wochen gebraucht, um die Kiste aus dem Zoll und nach Bariloche zu bekommen! Trotz Zollfreischreibung und aller wichtigen Diplomatendokumente der Deutschen Botschaft in Buenos Aires wohlgemerkt! Wenn ich nur an das Knete denke, die die dafür bekommen haben, ärgere ich mich über meine perfekte Organisation. Die Spedition hat fast doppelt so viel kassiert wie Abholung und Verschiffung in Deutschland gekostet haben. Auf dem Rückweg fahre ich die Kartons für 200 Pesos mit dem Lieferwagen nach Buenos Aires zum Hafen und verlade sie eigenhändig aufs Schiff ...

Nun denn, da stehen sie nun, die Kisten, 16 Kartons voller Krimskrams, den man irgendwie gar nicht mehr braucht, wenn man drei Monate aus dem Koffer gelebt hat. Wir ärgern uns jetzt schon, was wir alles für überflüssiges Zeugs eingepackt haben. Beim auspacken ist Birgit doch glatt ein Blutdruckmessgerät und ein Fusselrasierer in die Hände gefallen, meinen persönlichen Favoriten hab ich noch nicht gefunden, bisher liegen die drei (!) Trainingsanzüge aber ganz weit vorn. Wie zum Teufel soll ich drei Trainingsanzüge tragen? Übereinander? So kalt wird es hier nu auch wieder nicht. Oder stapelweise T-Shirts und Hemden - bisher bin ich mit drei Shirts und vier Hemden bestens über die Runden gekommen. Birgit meint, meine drei Anzüge und die zwei Sakkos hätten auch große Chancen auf den Pokal, wo ich doch so ein großer Anzugträger bin, zumal ich die trajes (Anzüge) wohl kaum noch brauche, da der wahrscheinlich einzige festliche Anlass in der ganzen Zeit hier der Festakt zum Hundertjährigen der Schule war, den ich auch ohne Anzug elegant genug überstanden habe. Okay, meine Schuhe, die ich bis auf die Woche am Strand seit drei Monaten trage, will ich nun doch mal wechseln, Birgit meckert schon über meine Stinkefüße.

Die habe ich aber grad noch mitgeduscht, deshalb darf ich jetzt ins Bett, und zwar in die eigene Bettwäsche, die nach Heimat riecht. Etwas Gutes war eben doch in den Kartons, von unseren CDs und der Musikanlage ganz zu schweigen, die uns endlich mit gutem Sound versorgt. Gute Nacht da draußen.

Mittwoch, 11. April 2007

"Lehrer aller Länder, vereinigt Euch!"

Man ist wirklich geneigt, Marx als Vorlage zu bemühen und es laut heraus zu rufen, Ideologie hin oder her. Da protestieren tausende Lehrer in ganz Argentinien und gehen für mehr Geld auf die Straße und dann wird in Neuquen (Provinz Río Negro) ein Lehrer bei Protesten von der Polizei erschossen.

Neuquen ist etwa 400 km von Bariloche entfernt, für argentinische Verhältnisse ein Katzensprung. Bereits am Freitag zuvor war unser Reisebus auf dem Weg nach Neuquen (mit dem Ziel Mar del Plata) von einer Straßenblockade mitten im Nirgendwo Patagoniens eine halbe Stunde aufgehalten worden. Lehrer hatten mit Autowracks und Steinen die Straße blockiert, alles unter den wachsamen Augen der Polizei. In der Semana Santa (Heilige Woche), der Osterferienwoche, kam es dann zu den umfangreichsten Protesten mit Demonstrationen, Straßenblockaden und Kundgebungen seit Beginn im März. Und eben dabei wurde der Lehrer Carlos Fuentealba von einem Tränengasprojektil der Polizei aus nächster Nähe in den Kopf getroffen und starb an den Verletzungen, und das, obwohl die Protestanten sich verschiedenen Berichten zufolge bereits auf dem Rückzug und die Blockaden sich in allgemeiner Auflösung befanden! Nahezu alle argentinischen Medien berichteten und berichten weiterhin über den Fall, so zum Beispiel die überregionale Tageszeitung Clarín, die regionale Río Negro oder das deutschsprachige Argentinische Tageblatt (siehe dort im "Archiv"). Auch deutsche Medien bestätigen diese Version, wie unter anderem bei Rheinische Post Online oder Berliner Morgenpost zu lesen ist. Staatspräsident Néstor Kirchner sagte darauf hin in Anspielung auf die brutale Militärdiktatur von 1976 bis 1983, deren Greueltaten im Regierungsbericht "Nunca más" [span./engl.] der Comisión Nacional sobre la Desaparición de Personas (Nationale Kommission über das Verschwinden von Personen) im Jahr 1984 ansatzweise offen gelegt wurden und einer umfangreichen und vor allem gerechten Aufarbeitung harren, die Aktionen der Polizei hätten doch sehr nach Vorsatz ausgesehen. Der muss das natürlich sagen, da der verantwortliche Provinzgouverneur von Río Negro, Jorge Omar Sobisch, sein politischer Gegner bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober dieses Jahres ist. Insofern sind die Proteste mitunter auch politisch motiviert, da die Lehrergewerkschaft angeblich Kirchner nahe steht.

Nichtsdestotrotz ist ein Lehrer gestorben. Die Gewerkschaft rief deshalb für den folgenden Montag (9.4.07) zum Streik auf. Lehrer und Hochschullehrer sollten aus Solidarität mit Carlos Fuentealba keine Schulen und Hochschulen betreten und sich an Demonstrationen beteiligen. Leider zog die Vereinigung der Privatschulen nicht mit, und diese Schulen, die sich aufgrund der hohen Schulgelder wohl in gewisser Weise zur Gegenleistung verpflichtet fühlen, mussten selbst entscheiden, was zu tun sei. 350.000 Menschen gingen landesweit auf die Straßen (siehe Fotos bei RP Online). Unsere Schulleiterin hatte jedoch keinen Mut, dem Aufruf zu folgen und ordnete statt dessen eine Schweigeminute beim morgendlichen Appell an. Streng genommen ist der Sinn eines Streiks von Lehrern auch zweifelhaft, denn Streik bedeutet der Definition nach die planmäßige und gemeinschaftlich durchgeführte Arbeitsniederlegung als wirtschaftliche Kampfmaßnahme zur Erlangung besserer Arbeits- oder Lohnbedingungen (arbeitsrechtlicher Streik) oder zur Durchsetzung politischer Forderungen (politischer Streik). Wirtschaftlich geschädigt werden hier allerdings nur die Lehrer selbst, denen die Streiktage teilweise vom Lohn abgezogen werden, und den größten Schaden erleiden schließlich die Schülerinnen und Schüler, die man nicht mal damit trösten kann, dass sie in echter Demokratie gelehrt werden, denn was lernen sie: demonstrieren ist lebensgefährlich. In jedem Fall aber wäre dieser Streiktag an unserer Schule ein Zeichen der Anteilnahme gewesen, was er ja auch sein sollte.

Gebracht haben die Proteste bisher wenig. Der Lehrerberuf ist in Argentinien eben nicht sehr angesehen und obendrein noch schlecht bezahlt, das Mindestgehalt bei voller Stelle beläuft sich auf nicht mal 1200 Pesos (etwa 300 Euro). Wie in der Ukraine, wo das durchschnittliche Lehrergehalt bei rund 500 Griwnja (etwa 70 Euro) liegt, geben die meisten Lehrerinnen Privatstunden zusätzlich, um das Gehalt aufzubessern, trotz dem der Partner - meistens ist das der Mann, denn Schule ist Erziehungssache und Erziehung ist Sache der Frauen - in der Regel voll berufstätig ist. Bei all dem hallt mir sofort das allgemeine Gejammer der deutschen Lehrer in den Ohren wider, deren gesellschaftlicher Status, zu dem einige Lehrer ja durchaus beitragen, gleich hinter dem des Kommunalbeamten zu rangieren scheint. Wenn die argentinischen Lehrerinnen und die wenigen Lehrer annähernd so viel verdienten wie deutsche Lehrer, würden sie diese Vorurteile wohl gerne in Kauf nehmen.