Mittwoch, 11. April 2007

"Lehrer aller Länder, vereinigt Euch!"

Man ist wirklich geneigt, Marx als Vorlage zu bemühen und es laut heraus zu rufen, Ideologie hin oder her. Da protestieren tausende Lehrer in ganz Argentinien und gehen für mehr Geld auf die Straße und dann wird in Neuquen (Provinz Río Negro) ein Lehrer bei Protesten von der Polizei erschossen.

Neuquen ist etwa 400 km von Bariloche entfernt, für argentinische Verhältnisse ein Katzensprung. Bereits am Freitag zuvor war unser Reisebus auf dem Weg nach Neuquen (mit dem Ziel Mar del Plata) von einer Straßenblockade mitten im Nirgendwo Patagoniens eine halbe Stunde aufgehalten worden. Lehrer hatten mit Autowracks und Steinen die Straße blockiert, alles unter den wachsamen Augen der Polizei. In der Semana Santa (Heilige Woche), der Osterferienwoche, kam es dann zu den umfangreichsten Protesten mit Demonstrationen, Straßenblockaden und Kundgebungen seit Beginn im März. Und eben dabei wurde der Lehrer Carlos Fuentealba von einem Tränengasprojektil der Polizei aus nächster Nähe in den Kopf getroffen und starb an den Verletzungen, und das, obwohl die Protestanten sich verschiedenen Berichten zufolge bereits auf dem Rückzug und die Blockaden sich in allgemeiner Auflösung befanden! Nahezu alle argentinischen Medien berichteten und berichten weiterhin über den Fall, so zum Beispiel die überregionale Tageszeitung Clarín, die regionale Río Negro oder das deutschsprachige Argentinische Tageblatt (siehe dort im "Archiv"). Auch deutsche Medien bestätigen diese Version, wie unter anderem bei Rheinische Post Online oder Berliner Morgenpost zu lesen ist. Staatspräsident Néstor Kirchner sagte darauf hin in Anspielung auf die brutale Militärdiktatur von 1976 bis 1983, deren Greueltaten im Regierungsbericht "Nunca más" [span./engl.] der Comisión Nacional sobre la Desaparición de Personas (Nationale Kommission über das Verschwinden von Personen) im Jahr 1984 ansatzweise offen gelegt wurden und einer umfangreichen und vor allem gerechten Aufarbeitung harren, die Aktionen der Polizei hätten doch sehr nach Vorsatz ausgesehen. Der muss das natürlich sagen, da der verantwortliche Provinzgouverneur von Río Negro, Jorge Omar Sobisch, sein politischer Gegner bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober dieses Jahres ist. Insofern sind die Proteste mitunter auch politisch motiviert, da die Lehrergewerkschaft angeblich Kirchner nahe steht.

Nichtsdestotrotz ist ein Lehrer gestorben. Die Gewerkschaft rief deshalb für den folgenden Montag (9.4.07) zum Streik auf. Lehrer und Hochschullehrer sollten aus Solidarität mit Carlos Fuentealba keine Schulen und Hochschulen betreten und sich an Demonstrationen beteiligen. Leider zog die Vereinigung der Privatschulen nicht mit, und diese Schulen, die sich aufgrund der hohen Schulgelder wohl in gewisser Weise zur Gegenleistung verpflichtet fühlen, mussten selbst entscheiden, was zu tun sei. 350.000 Menschen gingen landesweit auf die Straßen (siehe Fotos bei RP Online). Unsere Schulleiterin hatte jedoch keinen Mut, dem Aufruf zu folgen und ordnete statt dessen eine Schweigeminute beim morgendlichen Appell an. Streng genommen ist der Sinn eines Streiks von Lehrern auch zweifelhaft, denn Streik bedeutet der Definition nach die planmäßige und gemeinschaftlich durchgeführte Arbeitsniederlegung als wirtschaftliche Kampfmaßnahme zur Erlangung besserer Arbeits- oder Lohnbedingungen (arbeitsrechtlicher Streik) oder zur Durchsetzung politischer Forderungen (politischer Streik). Wirtschaftlich geschädigt werden hier allerdings nur die Lehrer selbst, denen die Streiktage teilweise vom Lohn abgezogen werden, und den größten Schaden erleiden schließlich die Schülerinnen und Schüler, die man nicht mal damit trösten kann, dass sie in echter Demokratie gelehrt werden, denn was lernen sie: demonstrieren ist lebensgefährlich. In jedem Fall aber wäre dieser Streiktag an unserer Schule ein Zeichen der Anteilnahme gewesen, was er ja auch sein sollte.

Gebracht haben die Proteste bisher wenig. Der Lehrerberuf ist in Argentinien eben nicht sehr angesehen und obendrein noch schlecht bezahlt, das Mindestgehalt bei voller Stelle beläuft sich auf nicht mal 1200 Pesos (etwa 300 Euro). Wie in der Ukraine, wo das durchschnittliche Lehrergehalt bei rund 500 Griwnja (etwa 70 Euro) liegt, geben die meisten Lehrerinnen Privatstunden zusätzlich, um das Gehalt aufzubessern, trotz dem der Partner - meistens ist das der Mann, denn Schule ist Erziehungssache und Erziehung ist Sache der Frauen - in der Regel voll berufstätig ist. Bei all dem hallt mir sofort das allgemeine Gejammer der deutschen Lehrer in den Ohren wider, deren gesellschaftlicher Status, zu dem einige Lehrer ja durchaus beitragen, gleich hinter dem des Kommunalbeamten zu rangieren scheint. Wenn die argentinischen Lehrerinnen und die wenigen Lehrer annähernd so viel verdienten wie deutsche Lehrer, würden sie diese Vorurteile wohl gerne in Kauf nehmen.